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Den Drachen überwinden Wenn die Masken fallen Wege aus der Zwickmühle Wenn die Seele verletzt ist Was uns verbindet und was uns unterscheidet

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Den Drachen überwinden

Einführung

„Danke dafür, dass ihr mich überwunden habt, ohne mich zu töten. Wer einen Drachen überwinden kann, ohne ihn umzubringen, der hilft ihm sich zu verwandeln. Niemand, der böse ist, ist dabei besonders glücklich, müsst ihr wissen. Und wir Drachen sind eigentlich nur so böse, damit jemand kommt und uns besiegt. Leider werden wir allerdings dabei meistens umgebracht. Aber wenn das nicht der Fall ist, so wie bei euch und mir, dann geschieht etwas sehr Wunderbares.“
Der Drache schloss die Augen und schwieg eine Weile und wieder lief dieser merkwürdige goldene Schimmer über seinen Leib. Lukas und Jim warteten stumm, bis er seine Augen wieder öffnete und mit noch matterer Stimme fortfuhr:
„Wir Drachen wissen sehr viel. Aber solange wir nicht überwunden worden sind, fangen wir damit nur Arges an. Wir suchen uns jemanden, den wir mit unserem Wissen quälen können – so wie ich zum Beispiel die Kinder. Ihr habt es ja gesehen. Wenn wir aber verwandelt sind, dann heißen wir >Goldener Drachen der Weisheit< und man kann uns alles fragen, wir wissen alle Geheimnisse und lösen alle Rätsel. Aber das kommt alle tausend Jahre nur einmal vor, weil eben die meisten von uns getötet werden, ehe es zur Verwandlung kommt.“

Michael Ende in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, S. 219-220

Inhaltsauszug

Detektivische Feinarbeit gefragt: Altlasten identifizieren und zuordnen
Die bestechende Logik der Psyche
Schreiben Sie Ihre Memoiren
Was tun, wenn die Erinnerung fehlt?
Das Trauma verarbeiten
Der innere Bildschirm und der Gefühlsregler
Wie es hätte sein sollen – das neue Drehbuch
Frieden schließen und den Drachen verwandeln
Ressourcen bilden durch Gestalten - Kunsttherapeutische Möglichkeiten in der Traumatherapie, Brigitta Gerke-Jork
Auf Schatzsuche gehen - die eigene Symbolsprache entdecken
Innere Schätze bergen und gestalten
Das Atelier als sicherer Raum: Wann ist kunsttherapeutische Hilfe sinnvoll?
Die innere Landkarte – Ordnung im Chaos
Den Körper um Rat fragen - Körperbilder
Was tun, wenn bedrückende Erinnerungen auftauchen?
Energien steuern lernen – über den Umgang mit Wut und Zerstörung
Wie finde ich einen Kunsttherapeuten?
Trauma und Geburt
Geburtsvorbereitung und Geburt als mögliche Trigger
Wie sich traumatisierte Frauen auf die Geburt vorbereiten können
Die Folgen traumatischer Geburten verarbeiten, Kathrin Antener-Bärtschi
Geburtstrauma – Folgeschwangerschaft – Folgegeburt
Die nächste Geburt sorgfältig vorbereiten
Aufarbeitung der Geburt im Wochenbett
Verarbeitung der Geburt nach vier bis sechs Monaten
Warum ich Frauen bei der Verarbeitung traumatischer Geburten unterstütze
Geburtstrauma und Männer
Fachleute und Geburtstraumen
Vernetzung
Mit dem Trauma Frieden schließen!


Teil II - Vorschläge zur Traumaheilung, ein systemisches Therapiekonzept

Der wichtige Unterschied zwischen einer Lösungsstrategie und einem Traumatrigger

Ein systemischer Heilungsweg in acht Schritten
1. Vertrauen schaffen - Parteinahme für das Opfer
2. Diagnose
3. Psychoedukation
4. Ressourcenarbeit
Die Heilkraft innerer Bilder
Hindernisse in Ressourcen verwandeln – das Teilekonzept von Virginia Satir
5. Impulskontrolle üben
Der Gefühlsregler und die innere Bühne
6. Die Traumamuster „Trigger“ und „Täterintrojekt“
Arbeit mit Triggern: den gemeinsamen Nenner finden
Den Beobachter einführen
Im Täterintrojekt das Muster „Doublebind“ entlarven
Die sich widersprechenden Zustände zeitlich getrennt erlebbar machen
7. Das Trauma verarbeiten
Die innere Bühne und das neue Drehbuch
Arbeit mit Träumen
Trauma und Aufstellung

8. Frieden schließen mit dem Schicksal – „trotzdem Ja zum Leben sagen“

Literaturliste

Was der Drache „Frau Mahlzahn“

mit Traumaheilung zu tun hat
Einige von Ihnen werden das Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende kennen. Vielleicht haben Sie als Kind mit den Helden gezittert, haben die Abenteuer der Helden in der „Augsburger Puppenkiste“ verfolgt oder Sie haben Ihren Kindern das Buch vorgelesen.
Dies Buch ist ein wunderbares Kinderbuch, doch darüber hinaus ist es - wie alle Bücher Michael Endes - weit mehr: Es enthält tiefes Wissen über die menschliche Seele, über ihre Verletzungen und die Möglichkeiten ihrer Gesundung. In ihm ist der Weg der Traumaheilung beschrieben, so wie wir ihn in unserer Praxis mit wachsendem Erfolg betreiben: den Drachen zu überwinden, ohne ihn zu töten. Zur Einstimmung auf unser Buch begleiten wir Jim Knopf und Lukas eine Weile auf diesem Weg.
Jim Knopf ist ein Findelkind, das nur durch einen glücklichen Zufall einem schlimmen Schicksal entgeht: Von Piraten entführt, sollte es eigentlich an den grausamen Drachen Frau Mahlzahn verkauft werden. Doch die Piraten vermasseln den Handel und das Baby gelangt nicht nach Kummerland, sondern nach Lummerland in die liebevollen Hände von Frau Waas. Dort wächst der kleine Jim glücklich und zufrieden auf, umgeben von freundlichen Erwachsenen, die ihm eine wunderbare Kindheit bescheren, ein Schicksal, das sich viele wünschen, die Frau Mahlzahn nicht entgangen sind.
Später verlässt Jim mit seinem Freund Lukas dem Lokomotivführer die Insel, weil diese zu klein geworden ist, um Leuten allen Platz zu bieten. Emma, die Lokomotive, wird kalfatert – wasserdicht gemacht - und zum Segelboot umfunktioniert. Als die Freunde dann nach genau drei Wochen und vier Tagen im Lande Mandala anlanden, beginnt das eigentliche Abenteuer: Die Tochter des Kaisers von Mandala, Li Si, ist von Piraten entführt und an den Drachen Frau Mahlzahn verkauft worden. Selbstverständlich machen sich Jim und Lukas gleich auf den Weg, um das Mädchen zu befreien. Logisch, dass bei geglücktem Unternehmen die Hand der Tochter winkt - das gehört sich einfach so in einer guten Geschichte.
Je näher sie der Drachenstadt kommen, umso gefährlicher scheint der Weg zu werden. Im Tal der Dämmerung, in dem sich jedes auch noch so leise gesprochene Wort durch den Widerhall des Echos tausendfach verstärkt, lernen sie, sich von dem Lärm nicht beeindrucken zu lassen. Auch dies ist eine Erfahrung, die traumatisierte Menschen auf dem Weg zur Heilung oft machen: Gefühle scheinen sich zu verstärken, wenn sie angesprochen werden, und nur der, der sich nicht beeindrucken lässt und seinen Weg zum Ziel unbeirrt verfolgt, erlebt letztlich, dass der Lärm verebbt.
Kaum haben die Freunde diesen Schritt gemeistert, wartet die nächste Aufgabe auf sie: die Durchquerung der Wüste. Hier begegnen sie unzähligen Fata Morganas, die ihnen zunächst die Orientierung nehmen. Wenn wir uns auf unserem Weg zur Ursache von den unzähligen Geschichten, die auch geschehen sind, ablenken lassen, werden wir Jahre vertrödeln, ohne dem Ziel auch nur einen Millimeter näher gelangt zu sein.
Der Weg zum Ziel gelingt nur dem, der den Scheinriesen Tur Tur zum Freund gewinnt. Je weiter der Scheinriese entfernt ist, umso größer wirkt er. Jim hat schreckliche Angst und würde am liebsten flüchten. Doch wohin? „Angst taugt nämlich nichts“, beruhigt Lukas seinen kleinen Freund. „Wenn man Angst hat, sieht meistens alles viel schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist (S.128).“
Dies ist ein ganz wichtiger Schritt bei der Heilung. Solange wir vor einem Gefühl davonlaufen, können wir es nicht verarbeiten. Unser Gehirn kann nur die Erlebnisse integrieren, die wir verstehen, und dazu müssen wir wagen, das, was uns quält, anzuschauen. Hier können wir von den Delfinen lernen, denn die schauen sich grundsätzlich alles an, bevor sie entscheiden, ob sie kämpfen oder flüchten. Jim hat seine Lektion begriffen: „Und im Stillen nahm er sich vor, nie wieder vor irgendetwas oder irgendwem Angst zu haben, bevor er ihn oder es nicht aus der Nähe betrachtet hätte (S.130).“
Der Scheinriese Tur Tur erweist sich in der Nähe als Freund und leitet die Abenteurer durch die Wüste zur „Finsternis der schwarzen Felsen“, wo alles Licht von Dunkelheit verschluckt wird. Doch wer sein Ziel vor Augen hat, lässt sich auch davon nicht schrecken, und die beiden gelangen durch den „Mund des Todes“ schließlich zur Drachenstadt und finden, indem sie die Lokomotive als Drache verkleiden, die Behausung von Frau Mahlzahn, wo diese viele Kinder gefangen hält und durch Schulunterricht quält. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Kinder sowohl für das, was sie nicht können, als auch für das, was sie können, bestraft werden. Hier verarbeitet Ende sicher seine eigenen schlimmen Erlebnisse in den Schulen des nationalsozialistischen Regimes, wo der sensible künstlerische Junge überhaupt nicht ins Bild des harten deutschen Mannes passte.
Durch die bewältigten Erlebnisse gestärkt, werden Jim und Lukas in dieser traumatischen Situation nicht zu Opfern. Sie können auf viele Ressourcen – Fähigkeiten und Erfolge – zurückgreifen, so dass es ihnen ein Leichtes ist, den Drachen zu überwinden und die Kinder zu befreien.
Das Bewusstmachen der eigenen Ressourcen ist einer der wichtigsten Schritte in der Traumaheilung. Deshalb spielt es eine große Rolle, wie der Weg zum Ziel gestaltet wird. Jim und Lukas erleben schöne Augenblicke, schließen Freundschaften und meistern ihre Ängste. Das auf dem Weg gewonnene Vertrauen in die eigenen Kräfte ermöglicht das Überwältigen des Drachens und somit die Verarbeitung des schlimmen Erlebnisses. Der Drache wird nicht getötet – die beiden tun nicht so, als ob er nie existiert hätte -, sondern sie binden ihn hinten an die Lokomotive. Jim und Lukas haben die Regie, nicht der Drache.
Dies ist ein weiterer wichtiger Schritt: nicht das Trauma mit seinen vernichtenden Gefühlen behält Regie über das Leben, - der Betroffene übernimmt die Steuerung wieder selbst. Das Trauma existiert, es wird nicht verdrängt, es wird in der richtigen Weise bearbeitet. In unserer Geschichte wird der Drache abgekühlt, sein destruktives Feuer wird durch Wasser gelöscht.
Und damit kann sich Frau Mahlzahn in den goldenen Drachen der Weisheit verwandeln.
Jeder, der sein Trauma bearbeitet und verarbeitet hat, verfügt über einen unermesslichen Schatz: Er hat gelernt, sich selbst anzunehmen, so, wie er ist, und mit allem, was er erlebt hat. Wer tiefes Mitgefühl für sich selbst empfindet, hat auch Mitgefühl für andere Menschen. Wer gelernt hat, sich selbst trotz allem zu lieben, kann auch andere Menschen – trotz allem – lieben.
Es gibt durchaus Traumaopfer, die dem Drachen die Regie überlassen: Sie quälen andere Menschen und tun das, was sie selbst erlitten haben, anderen an. Es gibt wissenschaftliche Studien darüber, dass Männer, die gewalttätig sind, als Kinder selbst geschlagen wurden. Männer, die sich an Kindern sexuell vergreifen, waren selbst Opfer von sexuellem Missbrauch. Lieblose Mütter hatten selbst lieblose Mütter. Und damit bleibt der Drache destruktiv.
Dass der Drache überwunden wird und sich verwandeln kann, geschieht zum Glück nicht nur alle tausend Jahre. Wir durften in unserer Praxis schon oft Zeugen dieser Transformation sein. Einer der berührendsten Augenblicke in unserer therapeutischen Laufbahn war die Begegnung mit Katrin, einer Frau, die als Kind grausam durch die eigene Familie traumatisiert wurde. Es grenzt an ein Wunder, dass sie die Torturen überhaupt überlebt hat. Trotz allem ist es ihr gelungen, sich selbst und ihre Liebesfähigkeit zu retten, und so machte sie das Retten von Menschenleben zu ihrem Beruf. Wir waren alle tief bewegt und voller Respekt vor dem Weg, den Katrin gegangen war, vor ihrem Mut, ihrer Zuversicht und ihrer tiefen Liebe. Deshalb haben wir dies Buch Katrin gewidmet, ihr und allen anderen, die den Drachen überwunden haben.
Dies Buch soll Menschen Mut machen, die den Drachen kennen, denn jeder Drache hat das Potential, sich in den Goldenen Drachen der Weisheit zu verwandeln. Es gibt sicher andere Wege, ein Trauma zu heilen, und nicht jedes Trauma kann durch die von uns vorgeschlagene Methode bewältigt werden. Auch kann die Lektüre des Buches keine Therapie ersetzen. Sie kann jedoch zeigen, dass der Weg zur Heilung nicht mit Katastrophen, sondern mit Erfolgen gepflastert ist. Nicht das Trauma steht im Vordergrund, sondern die Fähigkeiten, ihm zu begegnen. So wird, wie die bekannte Traumatherapeutin Dr. Luise Reddemann in ihrem Vortrag in Ravensburg sagte, „das Schwere leichter gemacht.“

Die bestechende Logik der Psyche

Sie erinnern sich, dass das menschliche Gehirn so aufgebaut ist, dass nur die Gefühle verarbeitet werden, die benannt werden können. Da das traumatische Erlebnis den Menschen in jeder Hinsicht überfordert, treten autonome Reaktionen in Kraft, die zwar das Überleben garantieren, die Möglichkeit, das Geschehen logisch zuzuordnen, jedoch gleichzeitig verhindern. Glücklicherweise ist es uns Dank unseres Verstandes möglich, diese Zuordnung nachträglich zu schaffen, so dass Traumata auch lange, nachdem sie stattgefunden haben, verarbeitet werden können.
Lange Jahre glaubte man, die Psyche sei ein großes schwarzes Loch, zu 90 % unbewusst und nie wirklich zu ergründen. Psychotherapien dauerten in der Regel viele Jahre und fanden bis zu vier Mal in der Woche statt. Abgesehen davon, dass heute die wenigsten Klienten so viel Geld und so viel Zeit haben, um sich in ihr Innenleben zu vertiefen, gibt es inzwischen schnellere Heilmethoden. Damit wollen wir die analytischen Therapien in keiner Weise abwerten. Christiane machte sowohl eine Freudsche als auch eine Jungsche Analyse und war fasziniert von dieser Arbeit und möchte diese keinesfalls missen.
Die systemische Psychotherapie eröffnete uns jedoch neue Sichtweisen. Die wichtigste ist sicher die Erkenntnis, dass unsere Psyche glücklicherweise vollkommen logisch funktioniert – psychologisch. Die Psyche funktioniert so logisch, dass es uns zuweilen scheint, als ob wir Menschen ferngesteuert wären, ferngesteuert von den Prägungen unserer Kindheit. Aktuelles Verhalten lässt sich mühelos den damals gelernten Regeln zuordnen. Das gilt natürlich auch für Trigger. Wir haben jedenfalls noch nie einen Trigger untersucht, der nichts mit dem auslösenden Erlebnis zu tun gehabt hätte; und wenn wir manchen Klienten „hellsichtig“ erscheinen, dann nur deshalb, weil bestimmte auslösende Ursachen ganz ähnliche Verhaltensmuster nach sich ziehen, die wir dann meist richtig zuordnen können.
Der nächste Schritt der Traumaheilung besteht folglich darin, dass Sie sich Ihrer Kindheit zuwenden. Was haben Sie erlebt? Gibt es Tagebücher? Welche Erinnerungen steigen auf? Welche Fotos wurden von Ihnen gemacht? Welche Bücher haben Sie gelesen, welche Musik gehört? Wen können Sie eventuell befragen?
Manchmal sind Gespräche mit Eltern, Geschwistern, Anverwandten oder Freunden der Familie hilfreich, manchmal sind es Lehrer oder Trainer, die Auskunft geben können.
Meistens tauchen die Erinnerungen ganz von alleine auf, wenn Sie sich intensiver mit Ihrer Kindheit befassen. Besonders intensiv kann es werden, wenn Sie den gemeinsamen Nenner Ihrer Triggersituationen mit einbeziehen.
Dass die Zuordnung stimmt, merken Sie nicht nur daran, dass Ihr Verstand einverstanden ist. Die meisten Betroffenen berichten von intensiven körperlichen Gefühlen. Manche spüren ekstatische Freude, andere sprechen von einer warmen Dusche oder von Schauern, doch es besteht auch die Möglichkeit, dass Sie in die traumatischen Emotionen rutschen.
Damit dies auf keinen Fall passiert und Sie sich nicht - wie früher - allein in solchen intensiven emotionalen Zuständen wiederfinden, empfehlen wir Ihnen dringend, diese Arbeit nur mit Ihrem vertrauten Therapeuten anzugehen. Gönnen Sie sich den „Rettungsring“, damit Sie diesmal nicht „absaufen“, sondern ans sichere Ufer gelangen.
Sobald Sie verstanden haben, auf welches auslösende Ereignis sich Ihre Triggerreaktionen beziehen, wissen Sie vor allem eines: Sie sind nicht verrückt! Sie reagieren ganz normal auf ein traumatisierendes Erlebnis. Viele Klienten sind durch dieses Wissen so erleichtert, dass die Triggersituation mehr oder weniger entschärft ist.
Bei langdauernder und / oder schwerer Traumatisierung reicht das Wissen jedoch leider oft nicht aus. Hier brauchen wir eine Mischung aus den Ressourcen-stärkenden Übungen und dem Einüben des inneren Beobachters oder der Beobachterin, damit Sie, wie die Klientin in ihrem Traum beschrieb, das Geschehen betrachten können, ohne darin emotional zu versinken. Sie schalten diesen Beobachter quasi zwischen den Trigger und die gewohnte emotionale Reaktion. Je öfter Sie dies schaffen, umso mehr wird es Ihnen gelingen, anders zu reagieren. Sie behalten die Regie und erleben damit das Gegenteil von Trauma. Danach können Sie das Ereignis in Ihren Tresor einschließen und sich an Ihrem sicheren Ort in Ihrem heilenden Wasser reinigen.
Lassen Sie sich durch vermeintliche Fehlschläge nicht verunsichern! Kein Kind würde laufen lernen, wenn es sich am Stolpern und Fallen orientierte. Feiern Sie dagegen jeden Erfolg! Sie sind dabei, eine lange bestehende, nicht bewusst geschaffene Datenautobahn in Ihrem Gehirn bewusst in andere Bahnen zu verlegen. Das kann seine Zeit dauern.
Auch diesen Schritt sollten Sie nur mit Hilfe eines geschulten Therapeuten gehen, der Ihnen hilft, Ihre Erfahrungen einzuordnen und der verhindert, dass Sie sich im Trauma verlieren. Es geht bei der Traumatherapie ja nicht darum, Ihre persönlichen Katastrophen durch häufiges Wiedererleben zu betonen, sondern darum, dass Sie wissen, dass es sich bei den Triggererlebnissen um emotionale Reaktionen auf Ihre Vergangenheit handelt. Durch die Trennung der Vergangenheit von der Gegenwart werden Sie frei.
Damit Sie einen Eindruck davon erhalten, wie diese Arbeit aussehen kann, stellten uns Klienten ihre ausgewerteten Triggerbücher zur Verfügung:

Triggersituation: Jemand hält mich an den Händen fest oder hält meine beiden Hände fest, so dass ich meine, mich nicht mehr wehren zu können.
Reaktion: Tobsuchtsanfall, höchste Aggression, will beißen - könnte schreien
Zuordnung: Ich wurde als Kleinkind im Krankenhaus an das Bett gefesselt und zwangsweise ernährt.

Triggersituation: Ich streite mich mit einem Menschen, es wird laut und aggressiv.
Reaktion: Ich glaube, der letzte Dreck zu sein und denke an Selbstmord
Zuordnung: Erziehungsverhalten der Mutter

Triggersituation: Ein Fremder berührt meinen Busen
Reaktion: Ich entferne mich innerlich, dissoziiere. Danach denke ich, dass der Vorfall nicht stattgefunden hat.
Zuordnung: sexueller Missbrauch

Triggersituation: Ich soll eine Rechenaufgabe lösen und es sind noch andere anwesend.
Reaktion: Blackout / Schweißausbrüche / Zittern / Angstzustände
Zuordnung: In der Grundschule wurde ich von meiner Mathematiklehrerin häufig vor der gesamten Klasse bloß gestellt.

Triggersituation: Geruch von Milchreis
Reaktion: Bittere Übelkeit / große Trauer
Zuordnung: Wenn ich im Kindergarten keinen Milchreis essen wollte, wurde ich in den dunklen Keller gesperrt.

Triggersituation: Mein Freund geht abends alleine mit anderen Menschen weg.
Reaktion: extreme Eifersucht / Schlaflosigkeit / Streit bis hin zur Hysterie / ich habe das Gefühl, es in meinem Körper nicht aushalten können.
Zuordnung: Krankenhausaufenthalte als Kleinkind, Verlassenheitstrauma