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Den Drachen überwinden Wenn die Masken fallen Wege aus der Zwickmühle Wenn die Seele verletzt ist Was uns verbindet und was uns unterscheidet

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Was uns verbindet und was uns unterscheidet

Inhalt

Kapitel 1 – Die Sehnsucht nach der ewigen Ordnung
Religion als ordnungsstiftende Institution
Die Familie im Zentrum – das Weltbild des Konfuzius
Religionen heute – Auslaufmodelle oder Hoffnungsträger?

Kapitel 2 - Judentum
Wer ist Jude?
Was ist Judentum?
Die Juden, der Messias und der Antijudaismus
Die jüdische Familie
Die Ehe
Die jüdische Frau und Mutter
Die Neuerungen im progressiven Judentum
Die Ehe als Sinnbild der Verbindung zwischen Gott und Israel in der jüdischen Mystik

Kapitel 3 – Christentum
Wie authentisch ist das Neue Testament?
Ehe und Familie im Neuen Testament
Jesus, die Apostel und die Ehe
Die Familie im Neuen Testament – geschätzte Lebensform oder zu überwindendes Übel?
Die Eheentschuldigungsgüter des Augustinus
Das Zwangszölibat und seine Auswirkungen auf das Ansehen der christlichen Ehe
Das Los der Frauen und die Inquisition
Martin Luther und die christliche Familie
Die Kinder in der christlichen Familie
Die katholische Familie heute
Vom Jesuskind zum Bräutigam – die Liebesseligkeit der christlichen Mystiker

Kapitel 4 - Islam
Die Frau im Islam
Ehe und Familie aus der Sicht des Koran
Ehe und Familie
Eltern und Kinder
Die Polygamie
Die mystische Liebe der Sufis

Kapitel 5 - Hinduismus
Die Hindufamilie in der Hochkultur
Brautwerbung und Ehe
Eltern und Kinder
Der Weg der Askese
Witwenschaft und Selbstverbrennung
Die Hindufamilie unter der Herrschaft der Mogulfürsten
Die moderne Hindufamilie
Die spirituelle Bedeutung familiärer Liebe im Hinduismus – der Weg des Bhakti-Yoga

Kapitel 6 - Buddhismus
Buddhismus – eine Wissenschaft des Geistes
Hinayana, Mahayana und Vajrayana
Tibetischer Vajrayana – der tantrische Buddhismus
Die buddhistische Familie
Eltern und Kinder
Buddha und die Frauen
Ehe und Familie
Buddhismus im Westen

Epilog – Die Gemeinsamkeit in der Vielfalt

Die Sehnsucht nach der ewigen Ordnung

Sie mögen sich fragen, was eine Familientherapeutin dazu bewegen mag, sich zwei Jahre lang in Quellentexte zu vergraben, Tausende von Seiten zu lesen und auszuwerten, um ein Buch über den universellen Wert „Familie“ im Spiegel der großen Religionen zu schreiben?
Ganz abgesehen von meinem schon dreißig Jahre währenden tiefen Interesse an der Spiritualität der Völker bewegten mich vor allem drei Gründe: Ich wollte die Religion als Spiegel der geistigen Werte der Völker erforschen, die prägende Rolle der Religionen in Bezug auf die Familien bewusst machen, ihre ordnungsstiftende Funktion untersuchen, und nicht zuletzt in unserer multikulturellen Gesellschaft über das, was uns verbindet und das, was uns unterscheidet, informieren.
Das, was alle Menschen vereint, ist ihre Herkunft. Jeder von uns hat einen Vater und eine Mutter, und in nahezu allen Kulturen wird die Familie geachtet. Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten neigen wir dazu, vor allem die Aspekte hervorzuheben, in denen wir uns unterscheiden, wobei wir unsere Unterschiedlichkeit häufig als trennend erleben. Dies ist ein bekanntes soziologisches Phänomen.
Angehörige einer Gruppe definieren sich über gemeinsame Interessen, Anschauungen und Regeln. Das Zugehörigkeitsgefühl wirkt um so stärker, je überschaubarer die Gruppe ist. Im Sportverein, in der Wandergruppe, im Kirchenchor, in diesen Gruppen fühlt sich das Mitglied durch gemeinsame Interessen zu Hause. Auch die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft wirkt um so stärker, je kleiner die Gemeinschaft ist. Freikirchliche Christen fühlen sich ihren Gemeinden oft stärker verbunden als Angehörige der beiden Amtskirchen. Um sich von anderen Gruppierungen abzuheben, werden Unterschiede betont. Und so zählt für die meisten Menschen nicht ihre Mitgliedschaft in der großen Gruppe der Menschheit auf dem Planeten Erde, sondern eher die kleineren Einheiten wie das jeweilige Heimatland oder die jeweilige Religion.
Nun scheint uns im Zeitalter der Globalisierung das Dorf Erde dazu zu zwingen, uns immer mehr als Teile einer Menschheit zu verstehen. Wir können uns den Luxus nicht mehr leisten, unsere Werte nur aus unserer begrenzten Realität zu beziehen. Seit dem 11. September 2001 muss uns allen klar geworden sein, dass nur das Interesse an und der Respekt vor den Werten anderer langfristig unser gemeinsames Überleben sichern wird.
Die Werte anderer Gruppierungen als der eigenen kennenzulernen und zu erfassen ist demzufolge geradezu notwendig. Zu diesem Zweck müssen Vorurteile in Frage gestellt werden, also alle Urteile, die wir uns auf Grund von nicht ausreichenden Informationen bilden. Jeder hat Vorurteile; wir kommen überhaupt nicht ohne sie aus. Suchen wir uns zum Beispiel aus einem Reisekatalog nach einem Foto einen Urlaubsort samt Hotel aus, treffen wir diese Auswahl eben auf Grund der Informationen, die uns im Augenblick zugänglich sind. Da diese Informationen keinesfalls ausreichen, basiert unsere Reisebuchung auf einem Vorurteil. Am Urlaubsort eingetroffen können wir überprüfen, ob dieses den tatsächlichen Begebenheiten entspricht und es gegebenenfalls korrigieren. Negativ wirkt ein Vorurteil erst dann, wenn man sich weigert, sein Wissen zu erweitern und darauf besteht, die erhaltene Datenmenge sei ausreichend, um den Sachverhalt objektiv zu erfassen.
Als ich mich mit den Quellentexten der großen Religionen befasste, fiel mir auf, wie wenig ich wirklich wusste, und wie viele Vorurteile mir die klare Sicht versperrten. Wie sollte ich die Gemeinsamkeiten hervorheben, wenn es andererseits triftige Gründe zu geben schien, das Wertesystem des anderen ganz grundsätzlich in Frage zu stellen? Ich bemühte mich daher, meine Vorurteile als Fragen zu formulieren, zum Beispiel: Warum sehen die Juden Jesus nicht als den Messias? Warum wurde die Sexualität von den Kirchen jahrhundertelang als Sünde betrachtet? Ist die Unterdrückung der Frauen im Koran verankert? Ist der Islam wirklich eine kriegerische Religion? Bieten die östlichen Religionen, vor allem der Buddhismus, mehr als die westlichen?
Ich erkannte, dass die trennenden Unterschiede, die Juden, Christen und Muslime betonen, häufig machtpolitische Ursachen haben, die weit zurück in der Geschichte liegen. So ging ich diesen historischen Ereignissen auf den Grund und fand kaum Differenzen in religiösen Fragen, dafür aber zahllose Kriege, Intrigen oder Übergriffe, in denen Einzelne oder Gruppen versuchten, sich Gebiete, Macht oder Geld anzueignen. Mit der Geschichte der beiden großen christlichen Kirchen setzte ich mich ebenfalls intensiv auseinander und war oft genug entsetzt über die Art und Weise, wie mit Frauen, Kindern und Behinderten umgegangen wurde. Ich gestehe, dass ich einige Zeit brauchte, um neben den schrecklichen Ereignisse auch die wunderbaren Errungenschaften wahrzunehmen. Auch wenn die historischen Tatsachen oftmals schwer zu verdauen sind, halte ich es für besser, ihnen dennoch ins Auge zu sehen. Dabei geht es mir nie darum, Schuld zu verteilen, sondern immer darum, durch die Kenntnis der vergangenen Ereignisse heutige Schwierigkeiten besser zu verstehen und dadurch möglicherweise zu ihrer Lösung beizutragen.
Die Stellung der Frau war mir in allen Religionen besonders wichtig, wirkt sich ihre gesellschaftliche Anerkennung oder ihre Diskriminierung doch entscheidend auf die Familie und auf die Kinder aus. Bei der Beschäftigung mit diesem Thema gerieten sowohl meine negativen wie meine positiven Vorurteile gewaltig ins Wanken.
Die beiden großen asiatischen Religionen nehmen eine Sonderstellung ein. Hier ging es mir vor allem darum, diese dem westlichen Menschen so fremden Glaubensformen und die in ihnen eingebetteten Familien so darzustellen, dass sowohl das Fremdartige wie das Ähnliche einen Platz findet. Ich hoffe, es ist mir gelungen, die indische Welt und ihre farbigen Rituale durch Zitate aus uralten Mythen und Erzählungen lebendig zu machen. Um den Buddhismus nachvollziehbar zu machen, musste ich seine Basis in aller Kürze darstellen, wobei ich wiederum versuchte, die trockene Theorie durch Texte von Buddha, Gampopa, Milarepa und vielen anderen aufzulockern.
Trotz aller Unterschiede, die zweifelsohne groß sein mögen, kann die Familie das verbindende Glied sein, das uns auf unseren gemeinsamen Ursprung verweist. Die verschiedenen Sitten und Rituale können nicht verbergen, dass wir Menschen alle sehr ähnlich empfinden. Diesem Aspekt, den die Mystiker aller Religionen zu höchster Vollendung führen, indem sie die Liebe zu ihren Eltern, Kindern und Geliebten als Metapher für die Liebe zu Gott wählen, sind entsprechende Kapitel gewidmet. Die Worte, mit denen die Mystiker diese höchste Liebe beschreiben, sind so ähnlich, dass es allein vom Text her schwierig sein kann, zwischen Hindu, Sufi, Christ und Juden zu unterscheiden.
Lassen Sie sich von mir in die Welt der Religionen entführen, auch wenn diese Reise, wenn sie die Geschichte beschreibt, zuweilen sehr erschütternd sein kann. Doch steckt in unseren Religionen mehr Wahrheit und ordnende Kraft, als machtpolitische Grausamkeiten zerstören könnten, und die Familie ist eine der Institutionen, die bis jetzt alle historischen Wirren überstanden hat. Wenn es uns gelingt, uns alle als Mitglieder einer großen menschlichen Familie und die Religionen als Ausdruck unserer jeweiligen Mentalität zu verstehen, besteht die Chance, dass dieser Planet wirklich zu einem globalen Dorf zusammenwächst, in dem wir einander in unserer Verschiedenheit achten, weil wir uns unserer Gemeinsamkeit zutiefst bewusst sind.
Im Folgenden befassen wir uns mit der Frage, warum die Religion als Ordnung stiftende Institution so verlockend ist, begeben uns danach ins alte China, wo Konfuzius die Familie als ordnende Kraft in den Mittelpunkt der Welt rückte und schließen mit der Frage, ob Religionen heute überhaupt noch Hoffnungsträger sind oder ob sie schon längst zu den Auslaufmodellen gehören.

Religion als Ordnung stiftende Institution

Religionen schaffen Ordnung. Warum ist Ordnung so verlockend? Das Gegenteil von Ordnung ist Chaos - Chaos entzieht sich der Kontrolle, bewirkt also Kontrollverlust. Ordnung dagegen bewirkt die Möglichkeit zur Kontrolle. Kontrollverlust wirkt ängstigend, und so sehnt sich der Mensch nach ordnenden Prinzipien, die ihm ein gewisses Maß an Kontrolle zur Verfügung stellen.
Die Sehnsucht nach Ordnung ist so alt wie die Furcht vor dem Kontrollverlust, und diese Furcht muss für unsere frühen Vorfahren überwältigend gewesen sein. Die Natur bestimmte das Überleben unserer Urahnen; die Menschen waren ihr fast vollkommen ausgeliefert und hatten Dürren, Überschwemmungen, Stürmen oder Feuersbrünsten nur wenig entgegenzusetzen. Andererseits erlebten sie in der Natur Ordnungsprinzipien, die sich in der regelmäßigen Abfolge der Jahreszeiten und dem Lauf der Himmelskörper abbildeten. Wann und warum die Menschen anfingen, ein höchstes Wesen als Ursache der Ordnung anzunehmen, wissen wir nicht. Doch wie uns Funde aus Gräbern oder Höhlenzeichnungen zeigen, gab es diesen Glauben an eine höhere Macht, die über die Natur, Mensch und Tier herrschte, in vielen alten Stammeskulturen.
Die Naturvölker fürchteten häufig dieses höchste Wesen. Jeder Sturm, jede Dürre, jede Überschwemmung wurde als Zeichen dafür gewertet, dass die Ordnung des höchsten Wesens durch die Menschen verletzt worden war. Deshalb bildeten sich in jeder Religion, ganz gleich ob es sich um die Glaubensformen der Naturvölker oder um die göttlichen Offenbarungen der Weltreligionen handelt, Regeln, die das Zusammenleben von Menschen und Gottheit ordneten und auf die sich der Gläubige vertrauensvoll verlassen konnte. Befolgte er diese Regeln, wusste er sich in guten Händen.
In den großen Weltreligionen wandelte sich das furchterregende höchste Wesen langsam zu einem liebenden, fürsorglichen Vater, dessen Ordnungen nichtsdestotrotz eingehalten werden mussten. Das Alte Testament bietet hierfür mannigfaltige Beispiele: Befolgte das Volk Israel die Anweisungen des Herrn, half Er ihm, seine Feinde zu besiegen und rettete es aus ausweglosen Situationen. Lehnte sich das Volk dagegen gegen seinen Gott auf oder wurde es lasch in der Ausübung der Riten, so strafte es der Herr durch Hungersnöte oder Krieg.
Opfer und Riten dienen dazu, das Höchste Wesen zu besänftigen. Auch das Christentum kennt Opfer, denn opferte sich nicht Gottes einziger Sohn für die Sünden der Menschheit? Heute bestehen die Opfer der Anhänger aller Religionen zum überwiegenden Teil aus Gebeten und Wallfahrten, ganz gleich, ob sie zum Ganges, nach Bodghaja, nach Jerusalem, nach Lourdes oder nach Mekka führen. Je hingebungsvoller die Menschen ihrem Gott opfern und Seine Rituale befolgen, umso sicherer fühlen sie sich. Gottesdienst wird als eine Art Garantie dafür erlebt, dass sich Gott um die Menschen kümmert und sie aus Gefahren errettet. Dieser Glaube zeigt sich heute noch darin, dass viel mehr Menschen in Zeiten der Not in die Gotteshäuser strömen, als dann, wenn alles in Ordnung zu sein scheint.
Die großen Religionen Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam versprechen ihren Gläubigen darüber hinaus die Erlösung von der schlimmsten Furcht – der Furcht vor dem Tod. Juden, Christen und Muslime glauben, dass der körperliche Tod das Leben nicht beendet und dass die Seele im Jenseits oder Paradies weiterlebt. Die asiatischen Religionen unterscheiden sich insofern, als sie vermitteln, dass sich die Seele in einem neuen Körper inkarniert, also fleischlich wiedergeboren wird. Doch auch Hinduismus und Buddhismus stellen dem Gläubigen ein Paradies in Aussicht – das Nirwana - , wohin der Mensch allerdings nicht kraft seines Glaubens gelangt, sondern das er sich durch Disziplin und Meditation selbst erarbeiten muss; die Religion dient nur als Wegweiser zur Befreiung. Ist der Mensch erleuchtet, muss er sich nicht mehr inkarnieren und ist frei. So überwindet der Mensch, indem er sich der Ordnung der Religion unterwirft, letztendlich den Tod und findet ewigen Frieden.
Religionen sind ein Spiegel des geistigen Lebens der Völker. Ihre Werte prägen tief und fördern Kultur. Indem sie den Blick über das begrenzte Leben des Einzelnen hinauslenken, ermöglichen sie Schöpfungen, die überdauern. Jahrtausende lang wurden die schönsten Kunstwerke im Namen der Religion geschaffen. Doch Religionen lehren auch, wie Menschen idealerweise zusammenleben. Sie geben nicht nur ganz praktische Anweisungen für den Umgang miteinander, sondern lenken den Blick auf die Liebe und den moralischen Lebenswandel. Seit fast fünftausend Jahren spiegeln sich die Werte der Menschheit in den großen Weltreligionen. Manche Werte verloren im Laufe der Zeit ihre Bedeutung, andere sind heute noch genauso wichtig wie eh und je.
Die Familie ist einer der Werte, der überdauert hat. Alle Religionen schätzen diese Institution des Zusammenlebens. Das Christentum kennt gar eine „Heilige Familie“, Juden und Hindus gelten ohne Familie als minderwertig, im Islam gilt die Familie als Kernzelle aller Muslime und bei den Buddhisten ermöglicht sie die Inkarnation in den kostbaren Menschenkörper und damit den Erleuchtungsweg. Die Religionen werten die Familie als Lebensform, in der Menschen gedeihen können, und sie geben Regeln und Gebote, damit dieses Zusammenleben gelingen kann. Darüber hinaus werden die archetypischen Begriffe aus dem Kontext der Familie oft als Metaphern benutzt, um das enge Verhältnis zwischen der höchsten Macht und dem Menschen zu beschreiben. Die Liebe zu Gott als Kind, als Vater, Bruder und Geliebtem finden wir in den mystischen Richtungen aller Religionen.
So ist die Familie als Urprinzip des geordneten Zusammenlebens ein in allen Religionen tief verankerter Wert. Lassen Sie uns gemeinsam diesem Prinzip nachgehen. Der Weg führt zuerst ins alte China.

Religionen heute

Genauso wie zu Zeiten Kung Dsis lehnen sich auch heute viele Menschen gegen die Werte ihrer Religionen auf und halten sie für zu einschränkend oder einfach für veraltet. Das ist nicht ganz unverständlich: Religionen bevorzugen ganz bestimmte Formen des Zusammenlebens und stellen Männer meist besser als Frauen. Für Singles, Hausmänner, alleinerziehende Mütter und Väter, Geschiedene und Menschen, die mit gleichgeschlechtlichen Partnern zusammenleben, gibt es in den Religionen wenig Rollenmodelle.
Andererseits scheint die sogenannte Freiheit die Menschen nicht glücklicher gemacht zu haben. Obwohl doch fast alles möglich ist, klagen viele über Einsamkeit. Die Schwelle, aus einer Ehe oder aus der Familie auszubrechen, ist erschreckend niedrig geworden. Viele versuchen, ein individuelles Glück zu leben, gleiten von Selbstverwirklichung ab in ein egozentrisches Lebensmuster, in dem der andere nur noch als Lustgewinn Platz findet. Dabei bleibt die so heiß ersehnte Partnerschaft häufig auf der Strecke, denn diese erfordert einen Lernprozess, zu dem die wenigsten bereit sind, da er mit Verzicht, Verantwortung und Selbsterkenntnis verbunden ist.
Der moralische, nicht auf den eigenen Vorteil bedachte Lebenswandel wird langsam aber sicher zu einem Relikt der Vorzeit. Ob im Geschäftsleben, im Straßenverkehr oder auf dem Campingplatz – Rücksichtnahme ist „mega out“! Wer nicht betrügt, ist wohl zu blöd dazu. Die täglichen Nachrichten machen deutlich, dass fast niemand mehr vor fast nichts zurückschreckt, um sich persönlich zu bereichern. Dagegen steigt die Zahl der Unglücklichen und Depressiven, und der Suizid wird immer häufiger als Ausweg aus der Krise gewählt.
Die Kirchen jeder Richtung, die Vertreter der Religionen, die doch eigentlich den Weg der Liebe lehren sollten, haben sich andererseits im Namen des Glaubens schrecklicher Verbrechen schuldig gemacht. Jede Religion hat ihre Schattenseiten. Fundamentalismus wirkt in jeder religiösen Färbung destruktiv, ganz gleich ob sich Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten oder Christen bekämpfen. Das Trauerspiel, das sich tagtäglich in Palästina und Israel vor unseren Augen abspielt, die Dramen in Nordirland, in Bosnien, Kaschmir und im Sudan, die Missachtung der Menschenrechte vor allem der Rechte der Frauen in vielen islamischen Ländern und in Indien, die verbrecherischen Terrorakte islamistischer Fundamentalisten in New York, Bali, Djerba, Madrid und dem Irak– dies alles geschieht oft im Namen Gottes. Doch werden die Religionen nicht vielmehr von Terroristen und Verbrechern für ihre Machtinteressen missbraucht? Der schwedische lutherischen Bischof und Islamwissenschaftler Tor Andrae sagt zu Recht: „Ein religiöser Glaube hat dasselbe Recht wie jede andere ideelle Bewegung, nach dem beurteilt zu werden, was er wirklich will, und nicht danach, wie menschliche Schwäche und Erbärmlichkeit das Ideal verfälscht haben.“
Bei aller möglicherweise berechtigten Kritik an den Religionen wäre es schade, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Religionen bieten durchaus Richtlinien, nach denen es sich zu leben lohnt: Die Spiritualität und ihre Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Verantwortlichkeit geben dem Leben vieler Menschen einen Sinn und bieten ein Kontrastprogramm zur egoistischen Spaßgesellschaft. Die Teile der Religion, gegen die sich heute viele wehren, sind nicht unbedingt Bestandteil ihrer Essenz, sondern haben sich im Laufe der Jahrhunderte aufgrund machtpolitischer und finanzieller Interessen herausgebildet. Wer sich von der Schattenseite, die jede Religion hat, nicht beeindrucken lässt und tiefer in den Quellen forscht, wird mit ihrer Essenz belohnt. Diese Werte haben Jahrtausende überdauert und können auch heute noch als Richtschnur unseres Handelns dienen.
Alle Religionen lehren zum Beispiel, dass die Eltern zu achten sind. Damit haben heute viele Menschen große Schwierigkeiten. Abgesehen von den Fällen, in denen Eltern ihre Kinder körperlich oder seelisch misshandelt haben, leiden die meisten Erwachsenen, wenn sie ihren Eltern keine Grundachtung entgegen bringen können. Da wir alle genetisch aus unseren Eltern bestehen, lehnen wir mit ihnen einen Teil von uns selbst ab und bezahlten dafür häufig mit emotionalen Problemen. Hunderte von Klienten, die ich zusammen mit meinem Mann in unserer gemeinsamen Praxis betreuten, fühlten sich ganz entscheidend besser, nachdem es ihnen gelang, Achtung oder gar Liebe für ihre Eltern, ihre Wurzeln, zu empfinden, denen sie ihr Leben verdanken.
In den Religionen zeigt sich in Bezug auf die Familie tiefes Wissen um die menschliche Psyche. Ich fand viel von dem, was wir täglich in unserer Praxis vermitteln, in den Lehren aller Religionen wieder. Achtung, Liebe und Wertschätzung sind in jedem Falle richtig, ganz gleich, aus welcher Quelle die Empfehlung für ein solches Verhalten stammt.
Mir ist es wichtig, dass in diesem Buch alle Religionen gleichberechtigt nebeneinander stehen, obwohl mir dies die Ablehnung dieses Manuskripts durch einen renommierten Verlag bescherte. Ich glaube zutiefst, dass jede Religion auf ihre Weise zu Gott führt, auch wenn Ihn die Menschen mit verschiedenen Namen benennen und Ihn ebenso verschieden feiern. Dazu abschließend eine Geschichte, die ich in einem Buch über den Sufismus, der mystischen Richtung des Islam, fand:
>Vier Männer, ein Perser, ein Türke, ein Araber und ein Grieche waren unterwegs zu einem fernen Ort. Sie stritten sich, wie sie das einzige Geldstück, das sie noch besaßen, ausgeben sollten. „Ich möchte angur kaufen“, sagte der Perser. „Ich will uzum“, meinte der Türke. „Nein, ich will inab“, sagte der Araber. „Ach was“, sagte der Grieche, „wir sollten stafil kaufen.“ Ein anderer Reisender, ein Sufi, der gerade vorüberkam, sprach sie an: „Gebt mir die Münze. Ich werden einen Weg finden, euer aller Wünsche zu befriedigen.“ Zuerst wollten sie ihm nicht trauen, dann gaben sie ihm die Münze. Er ging zum Stand eines Obsthändlers und kaufte vier Büschel Weintrauben. „Da ist ja mein angur“, sagte der Perser. „Das ist doch genau das, was ich uzum nenne“, rief der Türke. „Sie haben mir inab gebracht“, sagte der Araber. „Ach was“, sagte der Grieche, „in meiner Sprache heißt das stafil.“ Die Männer ließen jeden Streit sein und teilten sich die Weintrauben“ (Shah, S. 28). >