Wege aus der Zwickmühle
Inhalt
Danksagung
Gebrauchsanweisung
Benutze ich Doublebinds? - Ein Fragebogen zur Selbsterkenntnis
Einführung in das systemische Denken
Was ist Systemik?
Autopoiese oder sind wir etwa nur „triviale Maschinen“?
Das Konzept der Nützlichkeit
Die Kommunikationstheorie nach Watzlawick
Mein Helferteam: Winnie der Pu und seine Freunde
„Wer sagt hier < Niemand! >“ oder was ist Kommunikation?
Du dummer alter Bär - Der Inhalts- und der Beziehungsaspekt
War es Pu oder Ferkel? Die willkürliche Interpunktion
Das Rätsel um den Balzrück: Digitale und analoge Kommunikation
Symmetrische und komplementäre Interaktionen
Die Faszination des Paradoxen
Die Entdeckung des Doublebinds – die Forschungen des Gregory Bateson
Der Doublebind
Die klassische Doublebind-Mechanik
Wodurch entstehen Doublebinds?
Auswertung der Fragebögen
Die Regeln in der Doublebind-Familie
„Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ - Paradoxe Kommunikation am Beispiel einer schizophrenen Erkrankung
Der Mensch im Doublebind-System
Wie komme ich trotzdem klar? Lösungsstrategien von Kindern aus Doublebind-Familien
„Ich existiere nicht in der Beziehung zu dir!“ Die Auswirkungen von Doublebinds auf Partnerschaften
Meine beiden Männer – Der Versuch einer Partnerschaft
von Traudl Kurz
Doppelwirklichkeiten und Doublebinds in Organisationen
mit Literaturverzeichnis
von Dr. Christel Kumbruck und Dr. Erika Kleestorfer
Hilfe zur Selbsthilfe – Lernen Sie sich kennen!
Doublebinds sind nur Muster
Der Fragebogen
Das Triggerbüchlein
Unangenehme Gefühle nutzen
Den inneren Detektiv engagieren
Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust
Eindeutigkeit üben
Trainingsmöglichkeiten im Alltag
Übungen mit einem Gesprächspartner
Ihre Kinder als Spiegel
Fehlschläge sind normal!
„Ich wünsche mir so sehr, endlich sicher zu sein!“ – Erwachsene Kinder aus Doublebind-Familien berichten
Literaturverzeichnis
Gebrauchsanweisung
Sie haben ein Buch über „Doublebinds“ in den Händen. Der Begriff wird im Deutschen sowohl mit „Doppelbotschaft“ als auch „Doppelbindung“ oder „Beziehungsfalle“ übersetzt. Besonders die letzte Übersetzungsvariante des deutschen systemischen Psychotherapeuten Helm Stierlin signalisiert, dass ein Doublebind ein Kommunikationsmuster zu sein scheint, das Beziehungen nicht eben erleichtert.
Man bezeichnet Doublebinds auch als „paradoxe Kommunikation“. Gregory Bateson und Jay Haley entdeckten das Muster bei ihrer Arbeit mit Schizophrenen. Aus diesem Grund nennt das italienische Forscherteam um Mara Selvini dieses Verhaltensmuster „schizophrene Transaktion“. Die meisten Fachleute beschäftigen sich meist nur in den Familien mit Doublebinds, in denen ein Mitglied an Schizophrenie erkrankt ist. Doch der Doublebind ist ein viel weiter verbreitetes Muster, das wir zum Beispiel häufig dann finden, wenn sich Schwierigkeiten hartnäckig halten - wenn sie sich als „therapieresistent“ zu erweisen scheinen. In Paarkonflikten gehören Doublebinds neben den Traumata zu den häufigsten „Beziehungskillern.“
Der erste Schritt, einen Doublebind aufzulösen, ist, ihn bei sich und bei anderen zu erkennen. Aus diesem Grund halten wir eine genaue Kenntnis der paradoxen Kommunikation für jeden Therapeuten, jeden Lebensberater aber auch für jeden Coach für äußerst wichtig. Darüber hinaus kann jeder, der mit Menschen arbeitet, durch diese Kenntnisse den Schlüssel erlangen, um unlösbar scheinende Konflikte letztlich doch zu knacken. Aber auch Betroffene, die ihrem eigenen Muster ausgeliefert sind, können sich buchstäblich „an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen“. Glücklicherweise sind wir alle keine Kinder mehr, die einer paradoxen Kommunikationsstruktur hilflos ausgeliefert sind, sondern Erwachsene mit der Fähigkeit zur Selbstreflektion und zur Analyse unserer Lebensumstände.
Die Selbstreflektion kann jedoch nur gelingen, wenn wir wissen, wonach wir suchen. Aus diesem Grund haben wir einen Fragebogen entwickelt, mit Hilfe dessen Sie selbst herausfinden können, ob und wie stark Sie betroffen sind. Diesen Fragebogen haben wir an den Anfang des Buches gestellt, damit Sie sich bei der Beantwortung der Fragen nicht durch Ihr bis dahin gewonnenes Wissen beeinflussen lassen.
Danach wenden wir uns den drei Voraussetzungen zu, die nötig sind, um dieses Kommunikationsmuster zu verstehen und seine Wirkung zu begreifen. Diese sind:
- ein Grundverständnis des systemischen Denkens, weil dieses Denken zur Entdeckung des Doublebinds geführt hat;
- ein Grundverständnis der Kommunikationstheorie Watzlawicks, die ein wichtiger Bestandteil des systemischen Denkens ist,
- und ein Einblick in das Wesen der Paradoxien.
Über die ersten beiden Themen gibt es natürlich schon Bücher, sogar ausgezeichnete Bücher, insbesondere das Buch von Watzlawick, Beavin und Jackson „Menschliche Kommunikation“ (2000), das einen hervorragenden Überblick über dieses Phänomen gibt. Doch es ist in einer so wissenschaftlichen Sprache verfasst, dass man schon einige Leidenschaft mitbringen muss, um den fremdwortgespickten Satzmonstren so viel Leben einzuhauchen, dass sie ihren genialen Inhalt auch dem Normalsterblichen preisgeben.
Das Kennzeichen von Wissenschaftlichkeit ist aber, allem Augenschein zum Trotz, nicht dann erreicht, wenn Texte nur von Eingeweihten verstanden werden können. Dabei haben wir gar nichts gegen Fachsprache, da, wo sie angemessen ist. Doch wenn wir uns mit der menschlichen Psyche und mit Kommunikation befassen und uns wünschen, dass Menschen besser und vor allem friedlicher miteinander auskommen, wäre es doch wünschenswert, die bereits gewonnenen Erkenntnisse so zu formulieren, dass sie auch von Nichtexperten verstanden und umgesetzt werden können.
Mit dieser Sichtweise stehen wir nicht allein. 1969 rief der Psychotherapeut Reinhard Tausch ein Forschungsprojekt ins Leben, das die Frage erörterte: „Wie können Informationen verständlich vermittelt werden?“ Friedemann Schulz von Thun, der Tausch in diesem Projekt unterstützte und erkannte, dass es bei dieser Forderung um viel mehr geht, als darum, wissenschaftliche Eitelkeiten aufzugeben, schreibt zu diesem Thema in seinem Buch „Miteinander reden“ (1981): „Was das heutige Leben auf dem Erdball so gefährlich macht, ist das gigantische Auseinanderklaffen zwischen technologischem Vermögen und zwischenmenschlichem Unvermögen. Es ist dringend geboten (wenn nicht schon zu spät), in der Fähigkeit zur Verständigung aufzuholen“ (ebd. S. 255).
Um die Verständlichkeit der Kommunikationstheorie Watzlawicks bei aller Wissenschaftlichkeit zu gewährleisten, suchten wir deshalb Hilfe bei einem hochkarätigen Expertenteam unter der Leitung von Christopher Robin und seinem wundervollen Bären Winnie dem Pu, mit deren Unterstützung auch schwierige Sachverhalte ganz einfach nachzuvollziehen sind. Kommunikation betreiben wir schließlich alle, und dann sollte es auch möglich, sie so allgemeinverständlich zu erklären, dass sie auch ein „Bär von geringem Verstand“ würde begreifen können.
Bevor wir uns dann endlich den Doublebinds zuwenden, befassen wir uns ganz allgemein mit dem Wesen des Paradoxen, denn nur, wenn Sie verstehen, was ein Paradoxon ausmacht, werden die paradoxe Kommunikation und ihre Wirkung verständlich. In diesem Zusammenhang wird der Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell wichtig, denn seine Lehre der logischen Typen bildet die wissenschaftliche Grundlage für die Forschungen Gregory Batesons. Um Russell zu erfassen, benötigten wir ebenfalls Hilfe. Diese erhielten wir durch unseren zwölfjährigen Sohn Marian. Nachdem er die erste Niederschrift mit den Worten „das versteht kein Mensch“, kommentierte, gaben wir uns erst dann zufrieden, als er unseren Erklärungen mühelos folgen konnte.
Natürlich erfährt Gregory Bateson eine ausführliche Würdigung, denn seinem universellen Forschergeist verdanken wir ganz außerordentliche Denkanstöße. Deshalb ist seinem Forschungsweg, der ihn letztlich zum Doublebind führte, ein eigenes Kapitel gewidmet. Bateson bezeichnete Doublebinds als „traumatisierendes Kommunikationsmuster“. Er war der erste, der darauf hinwies, dass ein Trauma auch durch destruktive, sich ständig wiederholende Verhaltensmuster in der Familie ausgelöst werden kann. Situationen, die für sich betrachtet möglicherweise nur ärgerlich oder verwirrend sind, bewirken in der Häufung ein sogenanntes „Beziehungstrauma“ mit all seinen Folgen. Den Lesern, die sich eingehender mit der Traumathematik auseinandersetzen wollen, empfehlen wir die Lektüre unseres Buches „Wenn die Seele verletzt ist – Trauma: Ursachen und Auswirkungen“ (Verlag für Systemische Konzepte, Wolfegg 2005).
Danach sind wir bereit, uns der Doublebind-Mechanik zuzuwenden. In diesem Rahmen informieren wir Sie über unsere Hypothese zur Entstehung von Doublebinds, sowie über die Auswertung der ersten 56 Fragebögen. Erstmals haben wir die zwölf ungeschriebenen Gesetze formuliert, die das Leben von Familien mit paradoxen Kommunikationsmustern bestimmen. Mit diesen Werkzeugen ausgerüstet, wenden wir uns dem „Fall Deborah Blau“ zu, der Autobiographie der Joanne Greenberg, die sie unter dem Pseudonym Hannah Green mit dem Titel „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ veröffentlichte. Auch wenn in diesem Buch nie von paradoxer Kommunikation die Rede ist, werden wir im Familienleben und im Umfeld der an Schizophrenie erkrankten Deborah mühelos alle ungeschriebenen Gesetze finden, die in Doublebind-Familien gelten.
Die Bewältigungsstrategien, die Menschen in Familien mit paradoxer Kommunikation gebrauchen, sind genauso Thema wie die typischen Schwierigkeiten, die in Beziehungen entstehen. Durch den Bericht von Traudl Kurz über den Versuch einer Partnerschaft zu einem von Doublebinds geprägten Mann wird deutlich, in welch komplizierten Strukturen sich Menschen durch die paradoxe Kommunikation verfangen kann. Den Beitrag über die Wirkung von Doppelwirklichkeiten und Doublebinds in der Wirtschaft schrieben die deutsche Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie Dr. Christel Kumbruck und die österreichische Unternehmensberaterin Dr. Erika Kleestorfer.
Wenn Sie Doublebinds bei sich selbst festgestellt haben und diese möglichst schnell loswerden wollen, stellt Ihnen das Kapitel „Hilfe zur Selbsthilfe – Lernen Sie sich kennen“ eine Reihe von Übungen vor, die wir unseren Klienten empfehlen. Natürlich ersetzen die Übungen keine Therapie, doch wer diese „Hausaufgaben“ regelmäßig macht, kann den Prozess ganz erheblich beschleunigen. Den Abschluss bilden die Erfahrungsberichte dreier Frauen, die aus Familien mit paradoxer Kommunikation stammen und schildern, was sich für sie ganz praktisch verändert hat, seitdem sie die Doublebinds erkannt haben.
Vielleicht fällt Ihnen auf, dass wir nur einige Kapitel mit Zusammenfassungen des Inhalts abschließen. Dies tun wir immer dann, wenn die Informationen des Kapitels notwendige Voraussetzung für das Verständnis des nächsten Abschnitts sind.
Jetzt laden wir Sie ein, sich zur Einstimmung auf das Thema mit dem Fragebogen zu befassen.
Die Regeln im Doublebind-System
Da niemand dieses paradoxe Kommunikationsmuster bewusst einsetzt, sind die Regeln, nach denen eine solche Beziehungsstruktur organisiert ist, demzufolge weitgehend unbewusst. Man weiß normalerweise nicht, dass man paradox kommuniziert, und so wird die Existenz irgendwelcher diesbezüglicher Regeln sogar vehement bestritten. Doch wenn ein unvoreingenommener Beobachter die Interaktionsprozesse der Familienmitglieder eine Zeitlang analysieren würde, könnte er fündig werden und Verhaltensmuster entdecken, die von allen peinlich genau befolgt werden, obwohl keiner sie formuliert hat. Die erste Regel für das Funktionieren einer Doublebindstruktur lautet deshalb:
Nun entwickeln ja nicht alle Menschen, die als Kinder traumatisiert wurden oder die traumatisierte Eltern hatten, ein paradoxes Kommunikationsmuster. Die psychische Grundstruktur der Menschen, die auf Grund ähnlicher Muster in ihrer Herkunftsfamilie in Resonanz geraten oder, wie wir gewohnt sind zu sagen, sich ineinander verlieben, weist gewisse Ähnlichkeiten auf. Häufig waren beide als Kinder eher unsicher und ängstlich und lernten in ihren Herkunftsfamilien, negative Gefühle zu leugnen und Auseinandersetzungen zu vermeiden. Aus diesem Grund legen beide großen Wert darauf, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zu betonen. Wenn Harmonie herrscht, weil sich beide einig sind, besteht kein Grund für Konflikte.
Die zweite Regel lautet deshalb:
Wir erinnern uns an dieser Stelle an das fünfte metakommunikative Axiom Watzlawicks, mit dessen Hilfe er Beziehungsstrukturen transparent machte: „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht“ (Menschl. Komm., 2000, S.70). Symmetrische Interaktionen betonen die Gleichheit aller Mitglieder, komplementäre eher die Unterschiede. In gesunden Beziehungen wechseln sich je nach Kontext symmetrische und komplementäre Interaktionen ab, je nachdem ob es wichtiger ist, die Gleichheit oder die Unterschiedlichkeit zu betonten.
Doch unser Paar, das in Familien aufwuchs, in denen die sogenannten „negativen“ Gefühle geleugnet wurden, hat große Angst vor der Unterschiedlichkeit, die als potentielle Gefahr für den Familienfrieden gewertet wird. Die beiden fühlen sich erst dann sicher, wenn sich alle möglichst ähnlich sind und auch möglichst ähnlich empfinden. Aus diesem Grund wird in solchen Familien ein symmetrisches Beziehungsmuster gepflegt, das die völlige Gleichheit aller in den Vordergrund stellt. Lyman C. Wynne nannte Beziehungen, in denen der Zusammenschluss auf Kosten der Differenzierung erfolgt Pseudo-Gemeinschaft. Die dritte Regel lautet deshalb:
Die Ehepartner dürfen nicht wahrnehmen, dass sie verschieden sind, um das Gleichgewicht der Beziehung nicht zu gefährden. Aus diesem Grund können sie sich nicht wirklich aufeinander einlassen. So sind sie, auch wenn sie friedlich zusammenleben, häufig emotional getrennt. Die Rollenmodelle sind festgelegt, ja geradezu stereotypisiert, und werden nicht in Frage gestellt. Es ist vollkommen klar, was von einer Mutter, einem Vater und was von Kindern zu erwarten ist. Dadurch gleichen Mann und Frau ihre jeweiligen Unsicherheiten aus und stützen sich gegenseitig. Theodore Lidz stellte jedoch in seinen Untersuchungen fest, dass „die Eltern nur scheinbar übereinstimmen, aber insgeheim geteilte Meinungen haben.“ So empfangen die Kinder inkongruente Botschaften, verbunden mit dem Verbot, darüber zu sprechen. Das führt zu widersprüchlichen Elternbildern.
Die Familie ist darauf angewiesen, dass jeder seine Rolle immer gleich spielt und sich in keinem Fall verändert. Diese Rollenstruktur bleibt unangetastet, ganz gleich, welche Entwicklungen die einzelnen Mitglieder machen. Änderungen werden als Bedrohung empfunden und durch negative Rückkopplungen ausgeglichen. Deshalb lautet die vierte Regel:
Jedes Familienmitglied hilft dabei, dass alle an den ihnen zugewiesenen Rollen festhalten. Dadurch bildet sich eine Familienlegende, die alle eifrig verteidigen und die unsere fünfte Regel bildet:
Jeder Versuch einzelner, die eigene Rolle zu verändern, scheitert und ist einziger Anlass für die anderen, aggressiv zu werden, obwohl nach außen hin betont wird, jeder habe das Recht auf seine eigene Meinung und die Gestaltung seines Lebens. In solchen Familien wird viel über andere geredet. Die offene Auseinandersetzung mit demjenigen, um den es geht, wird jedoch vermieden. Die sechste Regel lautet deshalb:
Wehe demjenigen, der versucht, eine Position zu behaupten! Entweder wird seine eigenständige Position geleugnet oder er wird zum Sündenbock. Der Sündenbock war in der archaischen jüdischen Gemeinschaft die Projektionsscheibe für die Einflüsse des Bösen. „Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen, und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen“ (Lev. 16, 21 – 22). Nach der Opferung des Bocks war die Gemeinschaft von allen Sünden befreit.
In Familien mit paradoxer Kommunikationsstruktur läuft dasjenige Kind Gefahr, zum Sündenbock zu werden, das aufgrund seiner Struktur von den anderen Mitgliedern der Familie abweicht, also die Aufforderung zur Symmetrie nicht erfüllen kann. Damit dient es als Ventil für die Spannungen in der Familie und sorgt damit für das Gleichgewicht im System. Die Wahl des Sündenbocks steht in Zusammenhang mit den Ursachen der Spannungen. Haben die Eltern Angst zu versagen, ohne sich dies jedoch einzugestehen, wird ein Kind, dessen Leistungen den Erwartungen nicht entsprechen, zum „Symbol des Versagens“. Haben die Eltern Angst vor Aggressionen, wird das Kind, das am wenigsten emotional gehemmt ist, zum „aggressiven Kind“. Hat der Vater Angst davor, nicht männlich genug zu sein, wird ein Sohn diese Ängste spiegeln.
Verhaltensweisen, die die Ehepartner aneinander nicht schätzen, werden demjenigen Kind zum Vorwurf gemacht, das dieses Verhalten ebenfalls zeigt. So können Mütter ihre Söhne oder Väter ihre Töchter wegen der Eigenschaften kritisieren, die sie an ihrem jeweiligen Partner ärgern. Damit vermeidet das Paar, den Konflikt offen auszutragen. Obwohl das Kind einerseits für sein Verhalten getadelt und bestraft wird, gibt man ihm gleichzeitig zu verstehen, dass es nun mal so sei und sich nicht ändern könne. Es wird zwar einerseits lautstark aufgefordert, sich zu ändern, wobei andererseits gleichzeitig mitschwingt, dass dies nicht möglich sei. Anerkennung wir ihm aber erst dann in Aussicht gestellt, wenn es sich verändert hat, wobei das leider ja nicht gelingen kann und darf. Wenn das Kind es tatsächlich schaffen sollte, sich den Wünschen entsprechend zu verändern, wird die Familie alles tun, um das kritisierte Verhalten wieder hervorzulocken.
Der Sündenbock ist nötig und erfüllt eine wichtige Funktion. Wenn dieser Mensch das Urteil seiner Familie für sich übernimmt, stützt er sein Familiensystem darin, offene Konflikte auch weiterhin zu vermeiden. Hat er indes eine eigene Identität entwickelt und beansprucht diese für sich, werden alle anderen Mitglieder von großer Unruhe ergriffen und versuchen, den Abtrünnigen wieder in seine alte Rolle zu zwängen. In die Sündenbockkategorie fallen auch die psychischen Symptome, die Kinder bei entsprechender Disposition entwickeln. Sie übernehmen sozusagen für die ganze Familie die emotionale Störung und ermöglichen allen anderen Mitgliedern, ihre eigene Problematik weiterhin zu verschleiern. Obwohl die Sündenbockfunktion des Kindes von der Familie erwünscht ist, bringt sie für dessen Persönlichkeitsentwicklung vor allem Nachteile mit sich. Die siebte Regel lautet:
Da alle Mitglieder der Familie gleich sein müssen, befinden sie sich in einem symmetrischen Wettkampf, in welchem niemand gewinnen darf. Dieser Wettstreit wird jedoch nicht offen ausgetragen, sondern wie in unserem Witzbeispiel auf Seite ??? verdeckt. Jeder lechzt nach Anerkennung und Bestätigung und hat gleichzeitig große Angst vor Abweisung. Dem Verlangen nach Bestätigung darf aber keinesfalls nachgegeben werden, denn wenn einer der Forderung des anderen nachgibt, zeigt er Schwäche und begibt sich damit in eine, seinem Gegenüber untergeordnete und damit komplementäre Position. Aus dem gleichen Grund ist es auch verboten zu sagen: „Es tut mir leid!“ Weil alle gleich sind, darf es weder Verbündete noch Gegner geben, weder Sieger noch Besiegte.
Mara Selvini, die italienische Doublebind-Forscherin schreibt dazu: „Um die eigene Autorität aufrechtzuerhalten, darf man niemals Bestätigungen geben, sondern muss immer etwas auszusetzen finden: Ja..., aber... man hätte es besser machen können. .. Allen wird immer wieder zu verstehen gegeben, sie hätten etwas gemacht, was nicht ganz das Richtige war, ohne dass man ihnen jedoch ausdrücklich gesagt hätte, was sie hätten tun sollen, um es richtig zu machen“ (Paradoxon, 1993, S. 43).
Philip Roth beschreibt eine solche Situation in seinem Roman „Portnoys Beschwerden“:
„Also, was habe ich getan? Wenn jemand die Antwort auf diese Frage weiß, so soll er sich bitte erheben! Ich bin so unmöglich, dass sie mich auch nicht eine Minute länger im Haus haben will. Als ich einmal meine Schwester eine freche Rotznase nannte, wurde mir der Mund sofort mit brauner Kernseife abgewaschen, das verstehe ich. Aber Verbannung? Was kann ich denn bloß angestellt haben! Weil sie so gut ist, wird sie mir etwas zu essen mit auf den Weg geben, aber dann hinaus mit mir, in Mantel und Galoschen, und alles Weiter geht sie nichts an...
Ich liebe dich nicht mehr, ich kann einen kleinen Jungen nicht mehr lieben, der sich so aufführt wie du. Daddy, Hannah und ich werden jetzt ohne dich zusammenleben sagt meine Mutter (eine Meisterin darin, die Dinge so auszudrücken, dass sie einen umhauen). Am Dienstagabend wird Hannah die Mah-Jongg-Steine für die Damen aufbauen. Wir können ganz gut ohne dich auskommen.
Wennschon! Ich zur Tür raus, hinaus ins große, düster Treppenhaus. Wenn schon! ... „Ich hasse dich!“, brülle ich und schleudere mit dem Fuß einen Überschuh gegen die Tür. „Du stinkst!“ Bei so viel unflätiger Aufsässigkeit, die durch die Gänge des Mietshauses hallt, in dem meine Mutter mit zwanzig anderen jüdischen Frauen darin wetteifert, die Schutzheilige der sich Aufopfernden zu sein, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auch noch das Sicherheitsschloss herumzudrehen. Das ist der Punkt, an dem ich beginne, an die Tür zu hämmern, um hereingelassen zu werden. Ich lasse mich auf die Fußmatte fallen und flehe um Vergebung für meine Sünden (was war es doch gleich wieder?) und verspreche ihr, für den Rest unseres Lebens (von dem ich damals annahm, es würde nie ein Ende nehmen) die personifizierte Vollkommenheit zu sein“ (ebd. S. 19).
Die achte Regel lautet:
Philip Roth beschreibt auch diese Situation: „Dass ich zufällig, Mommy und Daddy, zufällig gerade eben vom Bürgermeister zum Stellvertretenden Vorsitzenden der New Yorker Städtischen Kommission für Soziale Gerechtigkeit ernannt worden bin, ist euch, was Status und Ansehen angeht, offenbar scheißegal – obwohl das nicht ganz stimmt, ich weiß, denn, um ehrlich zu sein, sobald mein Name in der times auftaucht, bombardieren sie jeden lebenden Verwandten mit den betreffenden Zeitungsausschnitten. Mein Vater verjuxt die Hälfte seiner Pension für Porto, und meine Mutter hängt ganze Tage an der Strippe und muss künstlich ernährt werden, weil ihr Mundwerk ununterbrochen wie ein Mühlrad geht – über ihren Alex... Alles, was sie für mich getan und geopfert haben, und wie sie mich überall herausstreichen und die beste Public-Relations-Firma sind (sagen sie), die ein Sohn sich nur erträumen kann, und nun stellt sich heraus, dass ich immer noch zu wünschen übrig lasse. Hat man so was schon jemals gehört? Ich weigere mich einfach, vollkommen zu sein. Was für ein verstocktes Kind“ (ebd. S. 107).
Jedem einzelnen wird allerdings in Aussicht gestellt, die Bestätigung eines Tages zu erhalten. Diese Aussicht wirkt so verlockend und hat eine so hohe Bindekraft, dass in solchen Familien niemand das Spielfeld verlässt. Selvini schreibt: „Eines Tages, so versichert sich jeder selbst, wird es mir gelingen. Das Wichtigste ist, dass die ganze Mannschaft im Felde bleibt“ (Paradoxon, 1993, S. 35). Damit wären wir bei der neunten Regel:
Das einzige Mittel, die Definition von Beziehungen dauerhaft zu vermeiden, sind paradoxe Botschaften, mit Hilfe derer jede Botschaft gleich wieder aufgehoben wird. So kann man zusammenleben, obwohl jeder dem anderen zu verstehen gibt: „Ich existiere nicht in der Beziehung zu dir“. Selvini formuliert die Anweisung, die jedes Mitglied einer Familie mit paradoxer Kommunikation dem anderen gibt: „Es ist nicht so, dass ihr etwas anderes tun sollt – ihr müsst das sein, was ihr nicht seid, nur so könntet ihr mir helfen, der zu sein, der ich nicht bin, der ich aber sein könnte, wenn ihr wärt, was ihr nicht seid“ (Paradoxon, 1993, S. 42). Sie nennt die Doublebind-Mechanik „schizophrene Transaktion“. Die zehnte Regel lautet deshalb:
Selbstverständlich ist es nicht erlaubt, über die verwirrenden Kommunikationsmuster zu sprechen. Entweder werden die Unstimmigkeiten einfach geleugnet oder die Verantwortung für den Konflikt wird demjenigen zugeschoben, der auf der Klärung besteht. Kinder sind mit diesem Muster völlig überfordert, doch auch Erwachsene scheitern, wenn sie das Spiel nicht durchschauen. Die Regel, dass sich nichts verändern darf, lässt jeden wie auch immer gearteten Impuls versacken. Beliebte Mittel sind, das Gegenüber oder seine Mitteilungen abzuwerten, das Thema zu wechseln oder wichtige Bestandteile der Auseinandersetzung einfach zu vergessen. Sprüche wie: „Im Gegensatz zu dir bin ich voller Liebe und will niemandem etwas Böses!“ werden ebenfalls gerne eingesetzt, um jeden Protest im Keim zu ersticken und dem Gegenüber ein richtig schlechtes Gewissen zu verursachen. Deshalb lautet die elfte Regel:
Es geht bei der paradoxen Kommunikation ja auch keineswegs darum, etwas richtig oder falsch zu machen. In erster Linie ist wichtig, nur ja nicht die Kontrolle zu verlieren und sich niemals dem anderen unterzuordnen. Deshalb lautet die zwölfte und letzte Regel:
Zum Abschluss fassen wir alle Regeln im Doublebind-System noch einmal für Sie zusammen:
- Nicht der Einzelne hat die Macht, sondern die Spielregeln, denen alle unterworfen sind.
- Negative Gefühle dürfen nicht sein. Wenn du sie trotzdem fühlst, dann leugne sie!
- Wir sind alle gleich. Deshalb hat niemand eine eigene Position.
- Es darf sich nichts ändern! Wir dürfen uns nicht ändern. Bei uns bleibt alles so wie es ist!
- Bei uns gibt es keine Schwierigkeiten.
- Offene Auseinandersetzungen müssen unbedingt vermieden werden. Beklage dich ruhig über andere, aber sprich nie selbst mit den Betroffenen.
- Schuld ist immer jemand anderes!
- Erkenne niemanden vorbehaltlos an. Wenn er sich wirklich anstrengen würde, würde er vielleicht die Bestätigung erhalten, die er sich wünscht, doch leider, leider wird das nie geschehen.
- Niemand verlässt das System!
- Sei so, wie du nicht bist!
- Die Klärung von Konflikten ist unmöglich! Deshalb tu weiterhin so, als lebtest du in einer harmonischen Familie.
- Du kannst es nie richtig machen, denn darum geht es gar nicht. Es geht ausschließlich darum, dich zu kontrollieren!