Wenn die Seele verletzt ist
Inhalt
Danksagung
Einführung
Die Geschichte der Traumaforschung
Die Ursachen von Traumata
Die geglückte Verarbeitung
Die grundlegenden Bedürfnisse eines Kindes
Traumatisierung in der Kindheit
Die neurophysiologischen Wirkungen des Traumas
Vernachlässigung
Seelische Mißhandlung
Körperliche Mißhandlung Sexueller Mißbrauch
Die „Traumamechanik“
Der Vorteil von Kontrolle und Sorgen
Trigger
„Trojanische Pferde“ – Virusprogramme in der Seele
Das Inszenieren des Schrecklichen
Symptome auf Grund einer Traumatisierung
Dissoziation
Selbstschädigendes Verhalten Somatisierungsstörungen
Angststörungen Depressionen
Zwangserkrankungen
Das Borderline-Syndrom
Die Posttraumatische Belastungsstörung
Psychotische Erkrankungen und Psychopharmaka
Die Auswirkungen von Traumata auf Beziehungen Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung
Auswirkungen auf die Paarbeziehung
Warum wiederholen sich traumatische Erlebnisse?
Trauma und Gesellschaft
Literaturverzeichnis
Einführung
Ich möchte mit diesem Buch eine Lücke schließen, die mir bei meiner Arbeit mit traumatisierten Menschen immer wieder auffiel. Obwohl es viele Bücher über das Thema „Trauma“ gibt, handeln die meisten von den großen Katastrophen, von Krieg und Folter, Gewaltverbrechen, Terrorismus, Entführungen, Unfällen und Naturkatastrophen. Auch gibt es Bücher, die Menschen, die Schicksalsschläge erlitten oder sich in der Pflege schwer kranker Familienangehöriger körperlich und seelisch erschöpften, unterstützen. Dagegen werden die Traumata, die täglich in Familien und dem näheren Umfeld „ganz normal“ passieren, viel seltener zum Thema gemacht. Um diese Traumatisierungen soll es in diesem Buch vor allem gehen.
Natürlich gibt es Fachbücher, doch diese sind so spezialisiert und mit psychologischen Fachausdrücken gespickt, daß sie nur von Eingeweihten verstanden werden. Der erste Satz des Kommunikationsforschers Friedemann Schulz von Thun in seinem Buch „Miteinander Reden“ lautet: „Den Psychologen sagt man nach, sie würden das, was jeder weiß, in einer Sprache sagen, die niemand versteht (S.11).“ Da dies leider häufig der Wahrheit entspricht, versuche ich in diesem Buch sowohl das, was alle zu wissen glauben, als auch psychologisches Fachwissen, das nicht zum Allgemeinwissen gehört, so zu erklären, daß das Fremdwörterbuch zugeklappt bleiben kann. Um einige Fachbegriffe komme ich allerdings nicht herum, doch wenn sie sich mit Inhalt und Leben füllen, verlieren sie rasch ihre Fremdheit.
Dieses Buch handelt von den Ursachen und Auswirkungen von Traumata. Es geht vor allem um die Verletzungen der Seele, die Kinder im Familienleben, aber auch in Kindergarten, Schule und Krankenhaus davongetragen haben. Da die Betroffenen an dieses Leben gewöhnt sind, halten sie es für „normal“ und verstehen überhaupt nicht, warum sie Symptome haben oder Verhaltensweisen entwickeln, die sie gerne loswären. Wenn sie sich ratsuchend an Experten wenden, erfahren sie meist, daß ihre Schwierigkeiten durch persönliche Defizite oder einen schwachen, unselbständigen Charakter verursacht werden. Ich kenne schwer traumatisierte Menschen, die von Ärzten und Therapeuten wegen ihrer Symptome sogar ausgeschimpft und verurteilt werden. „Sie wollen ja gar nicht gesund werden!“ und „Sie sind selbst schuld, daß es Ihnen so geht!“, sind dabei Standartformulierungen.
Traumata verursachen ganz spezifische Symptome, ganz gleich, ob das Trauma durch Krieg, Naturkatastrophen, Terrorismus, Unfälle oder durch Gewalt oder Vernachlässigung in der Familie verursacht wurde. Diese Tatsache ist seit spätestens 1980, als die Traumafolgen unter dem Fachbegriff „Posttraumatisches Belastungssyndrom“ zusammengefaßt und in das Internationale Diagnosemanual ICD 10 aufgenommen wurde, bei Ärzten und Psychotherapeuten bekannt. Auch wenn Traumata nicht immer Symptome verursachen, prägen sie in jedem Falle das Verhalten der davon Betroffenen. Die jetzt fast dreitausend Klienten, die unsere Seminare und unsere Praxis besuchten, ermöglichten uns eine umfassende Erforschung der „Traumamechanik“, also all der Verhaltensmuster und Symptome, die durch eine Traumatisierung in der Familie oder im weiteren Umfeld der Betroffenen entstehen.
Es geht mir hier bestimmt nicht darum, die Familie zum Sündenbock für die Schwierigkeiten ihrer Kinder zu erklären. Ich glaube immer noch, daß die Familie der beste Ort für Kinder sein kann, und in der Mehrzahl der Familien erhalten Kinder alles, was sie brauchen, um als Erwachsene ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Ein Buch über Trauma thematisiert jedoch nicht das, was in Familien wunderbar läuft, sondern richtet die Lupe auf jene Aspekte, die Kindern das Leben schwer machen.
Obwohl wir in unseren Seminaren also häufig auf Menschen treffen, die auf Grund ihrer Symptomatik offensichtlich traumatisiert sein müssen, waren wir sehr überrascht, daß Klienten auch nach vielen Jahren Psychotherapie und deutlichen Traumasymptomen das Wort „Trauma“ zum ersten Mal bei uns hörten. Das erstaunte uns außerordentlich und die Rückmeldungen vieler Kollegen bestätigte, daß äußerst selten mit dieser Diagnose gearbeitet wird. Dabei ist das Wissen um Traumata seit 115 Jahren bekannt. Warum wird es so wenig berücksichtigt? Neben politischen und gesellschaftlichen Gründen scheint das Thema bei vielen Therapeuten offenbar eigene noch nicht bearbeitete Ängste auszulösen. So berichtete eine Klientin, daß ihr Therapeut die Sitzung beim bloßen Verdacht auf eine Traumatisierung abrupt abgebrochen und sich geweigert habe, die Arbeit mit ihr fortzusetzen.
Durch die Seminararbeit lernten wir, daß bereits Informationen zum Thema „Trauma“ und seiner Auswirkungen zu einer wirklichen Verbesserung im Leben der Menschen führte. Die bloße Zuordnung der Symptome und der nicht erwünschten Verhaltensweisen zu historisch nachweisbaren schrecklichen Erlebnissen bewirkte bei jedem der Betroffenen eine große Erleichterung, der die Erkenntnis folgte: Mit mir ist alles in Ordnung! Das, was mit mir geschehen ist, war schlecht für mich. Auf Grund dieser Erlebnisse habe ich Symptome und/oder Verhaltensmuster entwickelt, die ich heute gerne loswäre. Daran will ich arbeiten! Deshalb soll dieses Buch gründlich über die Ursachen und die Auswirkungen von Traumata informieren. Den systemischen Wegen zur Linderung oder Heilung ist ein eigenes Buch gewidmet. Das Thema „Double-binds“, das ich für eines der wichtigsten halte, wenn man mit traumatisierten Menschen arbeitet, habe ich ebenfalls ausgeklammert, weil es den Rahmen sprengen würde. Auch dieses Thema wird in einem eigenen Buch behandelt.
Die meisten Menschen meinen, ein Trauma dadurch aufarbeiten zu können, daß sie sich an das Geschehene erinnern und diese Erinnerung einmal oder mehrmals durchleben und dadurch abarbeiten. Je öfter man sich mit dem Trauma konfrontiert, um so mehr soll es seine destruktive Wirkung einbüßen, so wie ein Horrorfilm, der, wenn man ihn sich immer wieder anschaut, immer weniger aufregt und sogar langweilig werden kann. Dieser Meinung waren jahrzehntelang auch viele Experten. Doch inzwischen sind sich diejenigen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, darin einig, daß dieser Aspekt zwar wichtig, jedoch keinesfalls ausschlaggebend für den guten Verlauf einer Traumatherapie ist. Heute steht fest, daß es sogar schädlich ist, diese Erinnerung zu früh herbeizuführen. Traumaopfer können ihre psychische Gesundheit gefährden, wenn sie ohne die nötige Vorbereitung mit ihrem Trauma konfrontiert werden. Vorher muß unbedingt sichergestellt sein, daß sie die Konfrontation mit der persönlichen Hölle gut verkraften. Bei Folteropfern zum Beispiel kann die psychische Gesundung davon abhängen, die Traumatisierung gerade nicht zu thematisieren und die Geschädigten dabei zu unterstützen, trotzdem ein gutes Leben zu führen.
Viel wichtiger als die Konfrontation mit dem Trauma ist, dem Traumaopfer zu helfen, seinen Fokus nicht mehr nur ausschließlich auf das Problem, sondern vielmehr auf die positiven Aspekte seines Lebens zu richten, ihm also seine Ressourcen bewußt zu machen oder sie zu entwickeln und damit seine Selbstheilungskräfte zu fördern. Das geschieht jedoch nicht von heute auf morgen. Obwohl systemische Therapeuten die Kurzzeittherapie bevorzugen, gelten für schwer traumatisierte Menschen andere Maßstäbe. Der Therapieprozeß kann lange dauern, manchmal sogar Jahre. Techniken wie EMDR, die eine rasche Lösung des Problems versprechen, sind bei Fachleuten sehr umstritten. Erfahrene Traumatherapeuten empfehlen, solche Praktiken erst nach einer gründlichen Vorbereitung anzuwenden.
Da sich die Traumatherapie in erster Linie mit den Ressourcen der Betroffenen befassen, gehört sie zu den „lösungsorientierten Therapien“. Aus diesem Grund bietet sich die Systemische Psychotherapie geradezu als Weg zur Heilung an. Auch wenn systemische Psychotherapeuten betonen, daß sie gut ohne die allgemein übliche Klassifizierung der Symptome arbeiten können und diese häufig sogar ablehnen, habe ich mich ganz bewußt dafür entschieden, die klinischen Begriffe beizubehalten. Der systemischen Arbeit wird damit sicher nicht geschadet und gleichzeitig gibt es eine gemeinsame Verständnisebene mit Therapeuten anderer Ausrichtung. Im Endeffekt nutzt dieses Vorgehen den Klienten, und das allein ist wichtig.
Obwohl sie natürlich über ganz spezifische Werkzeuge verfügt, sind es doch nicht ihre Techniken, die die Systemische Psychotherapie ausmachen: Es ist vielmehr die ganz andere Art, die Welt zu begreifen, die sie mit anderen modernen Wissenschaften wie zum Beispiel der Kybernetik teilt, nämlich der Erkenntnis, daß den unzähligen Einzelaspekten, aus denen sich lebendige Systeme zusammensetzen, übergeordnete Prinzipien oder, wie Gregory Bateson es nennt, „Metamuster“ zu Grunde liegen. Hermann Hesse faßte diesen Ansatz übrigens in seinem Buch „Glasperlenspiel“ noch vor Entdeckung der Systemtheorie in Worte. Die Grundsätze der Systemtheorie gelten auch für die Psyche. Den übergeordneten Prinzipien oder Metamustern lassen sich Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen, aber auch Symptome logisch zuordnen. Wir sind daher davon überzeugt, daß alles, was ein Mensch tut, einen Sinn, einen psycho-logischen Nutzen für ihn hat, wobei wir die Sichtweise, daß jemand mit seinem Symptom einzig und allein nur Aufmerksamkeit erregen will, nicht teilen. Wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß die allermeisten Menschen ihr Bestes geben und sich mit ihren Symptomen und Verhaltensweisen in erster Linie vor Schlimmerem schützen. Wenn es uns gemeinsam mit dem Klienten gelingt, das seinen Beschwerden übergeordnete oder allem zu Grunde liegende Muster zu entschlüsseln, kann er das nicht mehr passende Verhalten schrittweise in ein dem aktuellen Kontext angemesseneres verwandeln.
Vom Familien-Stellen nach Bert Hellinger, der von mißbrauchten Frauen in seinen Aufstellungen zuweilen verlangt, sich vor dem Täter zu verneigen oder der Mutter zu sagen: „Ich hab es gern für dich getan, liebe Mama!“, raten wir dringend ab. Hier findet eine erneute schlimme Traumatisierung der betroffenen Frauen statt, was wir durch eigene Erfahrungen mit von ihm oder seinen Nachahmern Geschädigten oft genug erlebt haben. Zumindest sollte man, wenn man nach Hellinger aufstellen will, die Therapeuten sehr gut prüfen.
Im übrigen ist Bert Hellinger katholischer Priester und kein systemischer Therapeut und das von ihm modifizierte Familien-Stellen keine systemische Intervention!
Dieses Buch ist so aufgebaut, daß es nicht nur als Begleitbuch für Teilnehmer der Fortbildungskurse des Instituts für Systemische Psychotraumatologie genutzt werden kann, sondern auch interessierten Fachleuten und Laien einen Überblick über das Phänomen Trauma gibt. Ich beginne mit einem Überblick der Geschichte der Traumaforschung, um für das Phänomen des Gedächtnisschwundes in der Psychotherapie in Bezug auf Trauma zu sensibilisieren. Dann gehe ich detailliert auf die verschiedenen Ursachen einer Traumatisierung ein und thematisiere die Veränderungen im Gehirn, die durch ein Trauma entstehen können. Da eine Traumatisierung in der Kindheit besonders langwierige Folgen haben kann, sind diesem Komplex mehrere Abschnitte gewidmet. Das Kapitel über die Verhaltensweisen und Symptome, die ein Trauma verursachen kann, und die Abgrenzung zu psychotischen Erkrankungen, versetzt Betroffene und Angehörige von Betroffenen in die Lage, ihre Beschwerden als Folge einer Traumatisierung zu identifizieren und sich nicht länger mit dem Makel eines persönlichen Defizits belasten zu müssen. Die Auswirkungen von Trauma auf Beziehungen, mit denen ich es als Paar- und Familientherapeutin häufig zu tun habe, wird eingehend beleuchtet und abschließend die Frage erörtert, wie die Gesellschaft mit Traumata umgeht und wie sich eine kollektive Traumatisierung zum Beispiel auf ein soziales Gefüge auswirkt.
Ohne meinen Mann Alexander wäre dieses Buch nicht zustande gekommen, denn er leistete seinen Teil bei unserer gemeinsamen Forschungsarbeit. Daß ich diesmal als Autorin in Erscheinung trete, hat vor allem mit Arbeitsteilung, aber auch mit unterschiedlichen Interessen zu tun. Mich fasziniert nicht nur die praktische Arbeit, für mich ist auch die Erforschung der theoretischen Grundlagen von hohem Wert. Alexander interessiert vor allem die Umsetzung der Theorie in therapeutische Praxis und, Gott sei Dank, der geschäftliche Aspekt unserer Firma. So wird er erst die nächsten Bücher über die Interventionen der Systemischen Psychotraumatologie und die Doublebinds wieder als Koautor mitgestalten.
Möge dieses Buch, obwohl es von so viel Schlimmem handelt, vielen Menschen ihr Leben durch das Wissen erleichtern, daß mit ihnen alles in Ordnung ist. In jedem von uns existiert ein unverletzbar heiler Kern, dem nichts etwas anhaben kann. Die Symptome und die Überlebensmuster sind Trabanten, die um diesen Kern kreisen. Es gilt, diese Trabanten zu erkennen, das Wertvolle zu achten, das Veraltete umzugestalten und daraus ein neues Bild zu komponieren, in dem Selbstwert, Lebensfreude und Vertrauen wieder eine wichtige Rolle spielen. Dies zusammen mit meinen Klienten zu erreichen ist mein erklärtes Ziel.
Zum Wohle aller Wesen!
Die "Traumamechanik" der Seele
Ich bin überzeugt, daß die Psyche logisch funktioniert. Die Psycho-logik folgt jedoch anderen Gesetzen als die Logik des Intellekts, und diese Gesetze muß man zuerst einmal verstehen. Wenn man begreift, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die Seele funktioniert, erkennt man, daß jedes Verhalten und jedes Gefühl ganz plausibel bestimmten Ursachen zugeordnet werden kann. Das Besondere an der Psycho-logik ist jedoch, daß diese Ursachen nicht unbedingt in der Situation zu finden sind, in der das Verhalten oder das Gefühl auftritt. Deshalb glauben so viele Menschen, daß die Psyche unlogisch und unverständlich funktioniert.
Die Psyche gleicht einer gigantischen Festplatte, auf der alle Erlebnisse des Menschen mit all den dazugehörigen Gefühlen gespeichert sind. Natürlich befinden sich nicht alle Daten im Arbeitsspeicher, das heißt, nicht alle Erlebnisse und Gefühle sind unmittelbar bewußt abrufbar. Das hängt sowohl mit dem Alter, in dem das Erlebnis auftrat, als auch mit der subjektiven Einschätzung des Einzelnen über die Wichtigkeit des Erlebnisses zusammen.
Es gibt jedoch bei traumatisierten Menschen eine Besonderheit: Wir erinnern uns, daß in traumatischen Situationen biochemische Reaktionen im Gehirn, gesteuert durch Amygdala, die bewußte Erinnerung blockieren. Die traumatische Situation wird erfolgreich verdrängt, damit das Opfer überhaupt weiterleben kann.
Das heißt natürlich nicht, daß damit alle Spuren des Traumas auf der Seelenfestplatte gelöscht sind, im Gegenteil. Viel mehr als die bewußt erlernten Regeln und Muster steuern diese unbewußten, gut verdrängten Erlebnisspuren die Gefühle und Verhaltensweisen von traumatisierten Menschen. Die durch verdrängte Traumata ausgelösten Verhaltensmuster sind so ähnlich - und es spielt fast keine Rolle, wodurch Menschen traumatisiert wurden -, daß es uns so schien, als folgten sie einer gewissen Mechanik. Aus diesem Grund sprechen wir von der „Traumamechanik“ der Seele.
Mit ihrem Verhalten versuchen die Betroffenen immer, sich vor einer erneuten Traumatisierung zu schützen. Ganz gleich wie destruktiv ein Verhaltensmuster sein mag, immer erfüllt es im Kontext des Traumas eine wichtige Aufgabe. Meist dienen diese Verhaltensmuster der „Traumaprophylaxe“ und sind damit vorbeugende Maßnahmen gegen weitere schlimme Erlebnisse. Vorbeugende Verhaltensmuster sind:
- Kontrolle
- Vorwegnahme des Schlimmsten
- Reaktionen auf Trigger
- Dissoziation (siehe dort)
Diese Verhaltensmuster und ihre Vorteile werden im folgenden Kapitel eingehend behandelt. Außerdem beschreibe ich zwei Verhaltensmuster, die bei schwer traumatisierten Menschen immer wieder auftauchen:
- „Trojanische Pferde“ – Virusprogramme in der Seele
- Erneutes Inszenieren des Schrecklichen
Die Betroffenen haben meist eine Menge Zeit darauf verwandt, diese Verhaltensmuster zu bekämpfen, und häufig haben sie nicht viel damit erreicht. Verhalten kann nämlich erst dann verändert werden, wenn die Vorteile des Musters bekannt sind. Ein unerwünschtes Verhaltensmuster gleicht einer Medaille: Der Vorderseite sind deutlich sichtbar die Nachteile eines Handlungsmusters aufgeprägt,; die Rückseite weist dagegen seine Vorteile auf, die die Nachteile derart überwiegen, daß alle Versuche, das Verhalten zu verändern, fehlschlagen müssen. Erst wenn diese Vorteile bekannt sind und der Betroffene ausprobiert hat, sein Ziel mit anderen, wünschenswerteren Mitteln zu erreichen, können unerwünschte Verhaltensmuster wirklich abgelegt werden.
Meist glauben Klienten, daß ihre unerwünschten Verhaltensmuster dazu dienen, Aufmerksamkeit zu erregen. Ich habe allerdings noch nie erlebt, daß die Aufmerksamkeitshypothese wirklich geholfen hätte, ein Muster abzulegen. Im Gegenteil werten sich die Klienten damit zusätzlich ab in dem Sinne: Ich muß ja krank sein, wenn ich ein so destruktives Verhaltensmuster nicht ablegen kann, nur weil ich unbedingt im Mittelpunkt stehen will. Unerwünschte Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Trauma dienen, wie oben gesagt, dem Schutz vor einer erneuten Traumatisierung.
Deshalb betrachten wir diese Verhaltensweisen und Symptome nicht als zu bekämpfende Feinde, denn weil sie mit dem Trauma in Zusammenhang stehen, geben sie oft wichtige Hinweise: Wir nutzen sie als Wegweiser zum auslösenden Ereignis. Wenn wir den Klienten motivieren können, unsere Sichtweise auszuprobieren, verwendet er seine Energie nicht mehr auf einen hoffnungslosen Kampf gegen sich selbst, sondern darauf, sich in seinen Reaktionen zu verstehen und die Zuordnung zu den auslösenden traumatischen Ereignissen herzustellen. Sobald die Zuordnung zum Trauma gelingt, wird der Nutzen des Verhaltensmusters klar. Die vormals unverständliche emotionale Reaktion wird in Verbindung mit dem Trauma nachvollziehbar, was den Klienten ungeheuer erleichtert. Damit wird es ihm möglich, bessere und dem heutigen Kontext angemessenere Verhaltensweisen auszuprobieren und letztlich das auszuwählen, was ihm heute entspricht.
Im folgenden Kapitel befassen wir uns erst einmal mit den seelischen Strukturen, die durch eine Traumatisierung entstehen. Danach beschäftigen wir uns mit den durch Trauma verursachten Symptomen und Symptomkomplexen.
Die Vorteile von Kontrolle und Sorgen
Trauma bedeutet in erster Linie einen schwerwiegenden Kontrollverlust. So jung der Mensch, der ein Trauma erlebt hat, auch gewesen sein mag, es wird sich in ihm der feste Wille bilden, so etwas nie wieder geschehen zu lassen. So dient die ausgeprägte Neigung zu kontrollieren dem Zweck, das ganze Leben in möglichst überschaubare Einheiten zu unterteilen, um die Regie zu behalten. Spontanes Handeln ist gefährlich und wird vermieden, denn das Trauma kam überraschend, und der Betroffene hat gelernt, daß Überraschungen schlimm und belastend sind. Häufig versuchen so geprägte Menschen, ihre Mitmenschen ebenfalls lückenlos zu kontrollieren, da sich Traumaopfer erst dann entspannen können, wenn sie zu jeder Zeit wissen, wo sich der Partner aufhält und was genau und mit wem er etwas tut. Dies führt nicht selten zu schweren Konflikten in Beziehungen
Wenn man einem solchen Menschen rät, sich zu entspannen und einfach loszulassen, verkennt man den Nutzen, den die Kontrolle für den Betroffenen hat. Das Kontrollbedürfnis eines Traumaopfers entspringt ja nicht seinem Wunsch, andere zu dominieren und ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen. Traumaopfer versuchen mit Hilfe der Kontrolle, den unerträglichen Druck, den die Unsicherheit des Lebens in ihnen auslöst, in den Griff zu bekommen. Das wird von den Betroffenen selbst als lästig und anstrengend empfunden, doch erst wenn sie wissen, daß sie sich durch ihr Kontrollieren vor einer erneuten Traumatisierung schützen wollen, kann es ihnen gelingen, Sicherheit aus anderen Ressourcen – aus Fähigkeiten und Fertigkeiten – zu beziehen.
Bestand das Trauma aus einer frühen Trennung von geliebten Bezugspersonen wie Mutter oder Vater und wurde diese Unterbrechung nicht ausgeglichen, kann sich daraus Angst vor Nähe entwickeln. Wir nennen ein solches Trauma „Verlassenheitstrauma“. Auch Menschen, die als Kleinkinder vernachlässigt wurden und unsicher oder unsicher ambivalent (siehe dort) gebunden waren, können sich nicht wirklich auf die Beziehung zu einem Menschen einlassen. So geprägte Menschen neigen dazu, ihren Partnern nicht wirklich zu vertrauen. Sie greifen ebenfalls zum bewährten Mittel der Kontrolle, um sich vor einem erneuten Verlassenwerden zu schützen. Häufig sind sie sehr eifersüchtig, auch wenn objektiv kein Grund dazu besteht, und verlangen immer neue „Beweise“ für die Treue ihrer Partner.
Die Ehefrau eines unserer Klienten notierte sich zum Beispiel täglich die gefahrenen Kilometer auf dem Tageszähler des Geschäftswagens ihres Mannes. Sie wußte, wie weit sein Weg zur Arbeit war, und wenn er danach nach Hause kam, kontrollierte sie die gefahrenen Kilometer. Wenn der Mann einen Geschäftstermin hatte, setzte sie sich ins Auto und fuhr den Weg genau nach, um zu überprüfen, ob er nicht doch einen Abstecher zu einer Geliebten hätte machen können. Tragischerweise treiben so geprägte Menschen ihre Partner oft langsam, aber sicher wirklich in eine Außenbeziehung oder zu einer Beendigung der Partnerschaft.
Ein als Kind vernachlässigter und unsicher oder unsicher ambivalent gebundener Mensch kann seinem Partner nicht glauben, daß er sich wirklich für ihn entschieden hat. Im Gegenteil ist er fest davon überzeugt, daß sein Partner insgeheim immer auf dem Absprung ist. Er ist enorm mißtrauisch, legt jedes Wort auf die Goldwaage und nimmt die Trennung innerlich mit allen Schrecknissen vorweg. Diese Vorwegnahme des Schrecklichen ist eine weitere Möglichkeit, ein Trauma zu vermeiden. Wenn man immer mit dem Schlimmsten rechnet, kann man davon nicht überrascht werden, und daß man nicht wirklich glücklich ist, hat ebenfalls einen entscheidenden Vorteil: Man kann nie mehr so tief abstürzen wie damals, als das Trauma geschah.
Die Vorwegnahme des Schrecklichen ist nicht auf die Partnerschaft begrenzt. Häufig sind Menschen, die einen Krieg erlebt haben, gewohnheitsmäßig pessimistisch und machen sich viele Sorgen. Auch Existenzängste können der Abwehr einer erneuten Traumatisierung dienen. Wenn sie wirtschaftlich unbegründet sind, deuten diese Ängste darauf hin, daß es eine reale Bedrohung der Existenz gegeben haben muß, sei es in materieller oder physischer Hinsicht. Solche Ängste können Kinder auch von ihren Eltern übernehmen, die möglicherweise im Krieg ihr Hab und Gut oder viele Familienangehörige verloren haben.
Auch Angstzustände dienen der Traumaprophylaxe. So treten Ängste vor schweren Erkrankungen häufig nach plötzlichen Todesfällen oder nach traumatischen Erlebnissen in Zusammenhang mit Krankheiten auf. Ich erinnere mich an eine Klientin, die ihr hoch fieberndes Kind im Krankenhaus untersuchen lassen wollte. Noch bevor der Arzt den Jungen wirklich angeschaut hatte, sagte er: „Ich weiß gar nicht, ob der morgen überhaupt noch lebt!“ Das Kind überlebte, doch die Mutter litt seitdem an Krebsangst. Sie nahm täglich das Schrecklichste vorweg, um sich vor einem erneuten Schock zu schützen. Als sie den Zusammenhang mit der seelischen Mißhandlung durch den Arzt erkannte, gaben sich ihre Ängste.